BUSarchitektur

Vom Leben am finanziellen Limit in die Königsklasse - BUSarchitektur hat mit dem Campus WU den großen Coup gelandet. Trotz beachtlicher Aufmerksamkeit bleibt das Kollektiv bescheiden. Ein Porträt.

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Das Kollektiv zählt mittlerweile mehr als 20 Teammitglieder, das Büro in Wien wurde 1992 eröffnet.

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Die Ideenschmiede versteckt sich hinter einer dezenten Glasfassade im 18. Wiener Gemeindebezirk.

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Im Hörsaalzentrum der neuen WU Wien schufen die Planer von BUSarchitektur einen Ort der Kommunikation.

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Helle Räume und Farben der Natur prägen das Innere des Teaching Centers.

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Exakt im Zeitplan: Das Hörsaalzentrum noch vor der offiziellen Eröffnung im Oktober 2013.

Vom Leben am finanziellen Limit in die Königsklasse – BUSarchitektur hat es geschafft. Trotzdem bleiben die Planer des WU Campus bescheiden. Kollektiv-Gründerin Laura P. Spinadel über Sinn und Unsinn von Wettbewerben, dem Streben nach dem Göttlichen, die heimische Planerszene und schlaflose Nächte.

Die Linie des Kollektivs zieht sich durch, nicht nur im Gespräch mit Gründerin Laura P. Spinadel, denn sympathisch wirken auch die Büroräume: einfach, zweckmäßig, nicht abgehoben. Was 1986 in Buenos Aires begann, fand in Wien seine Heimat. Mittlerweile wurde das Büro, das Spinadel und der inzwischen verstorbene Claudio J. Blazica (1956-2002) in Südamerika als Headquarter gegründet haben, eine Nebenstelle. Die aktuelle Zentrale im 18. Bezirk wurde 1992 eröffnet und zählt heute mehr als 20 Teammitglieder. Gearbeitet wird „im Kollektiv“ – also in Zusammenarbeit nicht nur unter Architekten, sondern auch mit Bauingenieuren und Designern. In einem unscheinbaren Altbau präsentiert sich die Ideenschmiede hinter einer dezenten Glasfassade. So sehr sich die Architekten in österreichischer Zurückhaltung üben, nun stehen sie auf der Bühne der Internationalität.

Rettung kurz vor dem Bankrott

Den großen Coup landete BUSarchitektur 2008: In einem internationalen zweistufigen Wettbewerb für den Campus WU konnte sich das Kollektiv durchsetzen und sowohl den Masterplan, als auch die Realisierung des Hörsaalzentrums für sich gewinnen. Gerade rechtzeitig, standen die Architekten doch kurz vor dem Bankrott. „Architektur ist eine harte Schule. Das Leben hat uns immer wieder sehr ans Limit geführt. Man hatte Zweifel, ob man so viel für die Architektur opfern soll. Aber dann gibt es auch immer wieder schöne Möglichkeiten, die einen Quantensprung mit sich bringen“, zieht die leidgeprüfte, wie auch bejubelte Gründerin Spinadel Bilanz. „Wir dachten uns, bevor wir einen Abgang machen, nehmen wir noch an einem letzten Wettbewerb teil. Das war der WU-Wettbewerb. Als wir mit dem Projekt angefangen haben, hatten wir große Angst und wussten nicht, ob wir es schaffen werden.“ Schlaflose Nächte und literweise Kaffee später, ist das Projekt gelungen, davon sind jedenfalls Kritiker und Branchenfachleute überzeugt. Spinadel will sich nicht zu früh freuen: „Ob das Großprojekt tatsächlich gelungen ist, wird sich erst herausstellen, nämlich wenn es auch in vielen Jahren ein Ort der Freiheit ohne Grenzen und Zutrittskontrollen bleibt.“

WU Campus: Städtebaulicher Meilenstein

Der Campus gilt schon jetzt als städtebaulicher Meilenstein und BUSarchitektur reiht sich damit neben Architekturgrößen wie Zaha Hadid, Hitoshi Abe und Co. ein. Ganz im Sinne des Kollektivs, das von der Vielfalt jedes Mitglieds profitiert, war es den Planern ein großes Anliegen, einen Ort der Kommunikation und Vielfalt zu schaffen. Spinadel: „Ein Ziel war, dass die Studenten und Professoren wieder mehr Zeit an der Uni verbringen und nicht zu Hause im Netz hängen. Der Masterplan baut darauf auf, dass der reale Alltag eine größere Faszination bekommt als die virtuelle Welt. Wir glauben, die Realität sollte die virtuelle Welt überragen. Deshalb wollten wir einen Ort der Kommunikation schaffen, eine Ebene der realen Vernetzung und Entdeckung anbieten.“ In Fachkreisen gilt vor allem das Teaching Center TC als architektonischer Höhepunkt des Campus, das durch natürliche Farben und Materialien ebenso wie eine spektakuläre Fassade geprägt ist.

Architektur braucht keinen Glamour

Spinadel bleibt trotzdem bescheiden: „Die letzten Jahre waren nicht alltäglich. Und wir wissen nicht, ob wir noch einmal so eine Chance bekommen.“ Mit dem Projekt hat sich das Leben der Architekten in vielerlei Hinsicht geändert. Der größte Unterschied: Monatliche Zahlungen ohne Vorfinanzierung – für viele Architekten ein Traum. So konnte das Kollektiv die drohende Pleite gerade noch abwenden. Doch wie wird es weiter gehen? Eine postnatale Depression hat sich nach der „Geburt“ des Campus nicht eingestellt, versichert Spinadel. Zur Zukunft des Kollektivs sagt sie kurz und knapp: „Wir sind zuversichtlich.“ Von internationaler Anerkennung oder Ruhm will die Architektin jedenfalls nicht viel wissen: „Wir haben bewusst entschieden, keine Superstars zu werden und das Projekt als Maulwurf anzugehen.“ Dabei scheint etwas danebengegangen zu sein, denn geht es nach der Mehrheit der Branche, sind sie es doch: Stars der Architektur. Einen Vorteil hat der Trubel aber, wie Spinadel betont: „Uns interessieren Glamour, Superstar-Welten und Internationalität wenig. Außer in dem einen Punkt, dass diese Liga neue Möglichkeiten bietet, weil man zu Wettbewerben geladen wird. Daraus ergeben sich viele sehr interessante Aufgaben und die Chancen hier zu gewinnen, sind ungleich höher als bei offenen Ausschreibungen.“

Thema Wettbewerb: „Wer nicht trainiert, schießt keine Tore“

Trotzdem: Wettbewerbe sind mit Willkür und einem gewissen Opportunismus behaftet, die Entscheidung hängt oft von der Tagesverfassung der Jury und der Gruppendynamik ab, stellt Spinadel fest. „Allerdings sind sie auch Fingerübungen. Wenn wir nicht trainieren, können wir auch keine Tore schießen. Bei jedem Wettbewerb habe ich die Möglichkeit zu kämpfen. Ich muss es nicht tun, ich darf es tun.“ Und wie stehen die österreichischen Architekten ganz allgemein im internationalen Vergleich da? Aus praktischer Sicht können sie mithalten, doch es fehlt an Verantwortungsgefühl, meint die Architektin: „In Japan wird ein Honorarsatz von 2,5 Prozent bezahlt. In Österreich liegt er bei 15-18 Prozent bei einer Generalplanung. Verglichen mit anderen Ländern, gehören wir in unserer Branche zu den bestbezahlten Ländern der Welt. Österreich kann qualitativ mitspielen. Doch jedes Bauwerk ist ein Unikum und die Verantwortung, etwas Einzigartiges zu machen, ist eine große Chance. Darüber müssen wir uns bewusst werden und dürfen die Konsequenzen unserer Entscheidungen nie vergessen – Schließlich sollten wir uns die Zeit nehmen können um den Aufgaben gewachsen zu sein.“

Im Schaffen liegt der Drang zum Göttlichen

Die Fingerübungen scheinen zu gelingen. Neugierde und Entwicklung spielen eine zentrale Rolle im Selbstverständnis der BUS-Architekten, das Streben nach Perfektionismus ist dabei aber nicht der Ansporn. „Bei jeder Kunst hat man den Drang zum Göttlichen. Kunst ist Schöpfung und bei der höchsten Kunst wie man die Architektur nennt, ist der kreative Anspruch hoch. Das hat aber mit Perfektionismus nichts zu tun. Es ist immer eine Weiterentwicklung“, philosophiert Spinadel. Ihr Plädoyer: „Für weniger Egomanismus und mehr bescheidene Spiritualität in der Architektur.“

Das Kollektive ist der Grundgedanke hinter BUSarchitektur. „Wir glauben nicht, dass es ‚den Besten‘ gibt. Wir arbeiten gerne im Team. Außerdem sind wir der Überzeugung, dass Architektur gesellschaftsbildend ist. Wir denken an die Räume für das Leben. Wir versuchen integrale Planung zu betreiben und Ästhetik, Technik, ebenso wie Ökonomie und Wohlfühlfaktor zu vereinen“, sagt die ehemalige Auslandsösterreicherin und ihr Geschäftspartner Jean Pierre Bolivar ergänzt: „Der Respekt vor den Menschen steckt in jedem BUS-Projekt.“ (Karin Bornett)


Autor:

Datum: 16.09.2013

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