Reduced to the max

Die Zukunft gehört der urbanen Klause. Microliving scheint – nicht nur in den ­städtischen Metropolen – die Patentlösung für den immer knapper und zugleich teurer ­werdenden Wohnraum zu sein. Ein Blick auf die interessantesten Projekte ­weltweit – ­realisiert, im Entstehen oder noch Vision.

Allein auf 27, zu viert auf knapp 65 Quadratmetern – können Sie sich das vorstellen? Der moderne Lifestyle in vornehmlich urbaner Lage sieht genau das vor: Ein- bis maximal Zweizimmer­apartments auf sehr wenig Fläche. Internationale Weltstädte wie London und New York, vor allem aber Hongkong oder Tokio machen es längst vor – zentral gelegene Kleinstapartments, vielfach bereits möbliert und zu leistbaren Preisen. Microliving ist eine Reaktion auf immer weiter steigende Kauf- und Mietpreise, nach oben offene Energieverbrauchszahlen und immer weniger Angebote: Downsizing ist in.

Stadtflucht? Fehlanzeige!

Der Platz in unseren Großstädten ist begrenzt, doch immer mehr Menschen wollen oder müssen genau dort hin. Was daraus folgt, ist die Notwendigkeit hochverdichteten Wohnraums. Die Nachfrage ist immens, aus anfänglich vereinzelten Angeboten ist ein zukunftsweisendes Marktsegment entstanden. Der Einzelne hat einen geringer werdenden Anspruch auf Wohnraum, das liegt nicht zuletzt auch daran, dass ein wachsender Teil unserer (urbanen) Gesellschaft allein oder zumindest ohne Kinder lebt. Aspekte wie zentrale Lage und damit gute Infrastruktur, eine ordentliche Anbindung an den örtlichen Nahverkehr (der Verzicht aufs Auto wird immer gesellschaftstauglicher), deutlich minimierte Neben- und Energiekosten und schließlich weniger, dafür aber hochwertiges Interieur haben Priorität und verdrängen den Anspruch auf viel Platz. Das Microliving-Konzept sieht auch sogenannte Get-together-Zonen vor, um die fehlende soziale Komponente durch die knappe Wohnraumbemessung auszugleichen.

Minimalismus in Vision und Realität

„Vergrößert die Fenster, verkleinert die Räume.“ Walter Gropius, deutscher Architekt und Bauhaus-Pionier (1883-1969), sah die Zukunft des Wohnens bereits vor über einem halben Jahrhundert in minimierten Einheiten mit beweglichen Wänden. Doch es sollte noch Jahre dauern, bis dieser Ansatz gesellschaftstauglich wurde. Das wohl berühmteste Projekt zum Thema Microliving ist der Nakagin Capsule Tower in Tokio. Entworfen von Kisho Kurokawa, fertiggestellt im Jahr 1972 – ein prägendes Symbol für den japanischen Architekturstil des Metabolismus. Angelegt war der Kapselturm als Wohn- und Bürogebäude mit insgesamt 13 Stockwerken und 140 Wohnzellen – jeweils neun Quadratmeter (2,3 × 3,8 × 2,1 Meter) groß. Die Idee des Architekten: Die in den Kern eingehängten, standardisierten Wohneinheiten sollten flexibel miteinander zu verbinden sein und als Konstruktionsprinzip für ganze Städte dienen; eine Vision, die aber nicht zur Realität wurde. Heute ist der Capsule Tower ein zum größten Teil leer stehender Sanierungsfall, dessen Module gerade noch als Lager dienen. Lediglich 30 der Kapseln sind heute bewohnt.

nARCHITECTS, Iwan Baan © nARCHITECTS, Iwan Baan

Nachverdichteter Modulbau über neun Stockwerke: die wie Container aufeinander­gestapelten Micro-Units im „Carmel Place“ im New Yorker Wohngebiet Kips Bay

Anders in New York. Carmel Place mutet wie ein riesiger gestapelter Bausteinturm an, der sich inmitten der Manhattaner Skyline behauptet. Die 55 Microflats sind zwischen 24 und 32 Quadratmeter groß und erstrecken sich auf insgesamt neun Stockwerken. Geplant wurde das Ganze vom Architekturbüro ­nArchitects, die ersten Bewohner zogen im Sommer 2016 ein. Ausgestattet sind die Wohnungen mit einer Küchenecke, eingebauter Bett-Sofa-Kombination, ausziehbaren und höhenverstellbaren Beistell- und Schreibtischen, Klappstühlen und schließlich einem Minibadezimmer, in dem Dusche, Waschbecken und WC nebeneinander aufgefädelt sind. Die Einrichtung ist vorwiegend weiß oder beige. Die Decken sind drei Meter hoch, die Fenster wandfüllend, hier wurde mit sämtlichen logischen Mitteln optisch erweitert und vergrößert. Und wem es doch mal zu eng wird: Zu Carmel Place gehören auch eine Gemeinschaftsdachterrasse, ein Fitnesscenter und ein eigener Waschsalon.

Pocket Living könnte als das britische Pendant zu Carmel Place bezeichnet werden. London geht bei den Immobilienpreisen seit Jahren durch die Decke. Immer weniger Menschen können sich Wohnraum in der Metropole an der Themse leisten, der Durchschnittspreis für ein Apartment kommt hier schon mal auf 520.000 Pfund, die Quadratmeterpreise erreichen Werte von über 60.000 Pfund. Ein Immobilienentwickler bietet nun Kompaktwohnungen in der Hauptstadt zu – für dortige Verhältnisse – leistbaren Preisen an. Unter dem Motto „Starter Homes for City Makers“ werden 38 Quadratmeter große Apartments mitten in der Stadt verkauft, voll möbliert und nach ähnlichen architektonischen Regeln erbaut wie die Wohnungen am Carmel Place. Die Decken sind auch hier höher als ortsüblich, die Fenster bodentief, die Einrichtung vorwiegend in hellen Farben gehalten. Gedacht sind die Pocket Flats für all jene, die gerade ihre Karriere in der Stadt beginnen, den ganzen Tag arbeiten und ohnehin nur sehr wenig Zeit zu Hause verbringen. Gekauft werden dürfen Pocket Flats übrigens nur von Menschen, die weniger als 71.000 Pfund im Jahr verdienen und noch keine Immobilie besitzen. Die Kompaktwohnungen kosten zwischen 160.000 und 230.000 Pfund, das ist weniger als die Hälfte der am Markt üblichen Preise.

pocket living © pocket living

„Pocket Living“: Wohnungen im Taschen­format, die ein Leben in London leistbar machen.

Urbanes Wohnen unter 27 m2

Was in puncto „small but beautiful“ noch kommen könnte, war Inhalt eines kürzlich vom Berliner Einrichtungsplaner und -händler Minimum ausgerufenen Wettbewerbs mit dem Namen „Mikrowohnen auf 27 qm“. Teilnehmer waren unter anderen die Berliner Architekturbüros Cama A und Sinestezia, deren Entwürfe einen genaueren Blick verdienen. Das Mikroapartment soll alle Wohnsituationen des Lebens (Arbeiten, Kochen, Essen, Schlafen) zeitgleich ermöglichen – ganz ohne Einbußen im Komfort. Dafür wurde der Entwurf der Cama A-Architekten in vier Funktionsbereiche unterteilt: Den Eingangsbereich mit Bad, eine Servicewand, Faltfenster und das Multifunktionsmöbel „Wandler“, das, ähnlich den klassischen Platzsparern, für Vielfältigkeit auf kleinem Raum sorgen soll. Der „Wandler“ ist ein kompaktes Einbauelement auf Schwerlastrollen, das an einer Deckenschiene geführt wird. Inkludiert sind zwei Tische, ein Sofa, ein Regal und ein Bett. Das Möbel ist im Raum verschieb- und drehbar und kann an der jeweils gewünschten Position fixiert werden. Die Planer wollen auf diese Weise unterschiedliche Szenarien entwickeln.

Juryliebling Sinestezia (mit Niederlassungen in Belgrad und Berlin) erreichte mit seinem „Expansive Home“ Platz zwei im Wettbewerb. Das Konzept ist so innovativ wie überzeugend und bringt, so der Tenor der kreativen Köpfe, noch „mehr Freiraum durch Öffnung“. Dabei lässt sich die Wand zum Hausflur komplett aufmachen. Die Bewohner können somit über einen halb öffentlichen Raum verfügen. Zudem lässt sich ein verglaster, auf Schienen geführter Erker ausfahren – dies führt zu einer weiteren, lichten Vergrößerung der Wohnung. Laut Eigenangaben will Sinestezia mit diesem „Ziehharmonika-Erker“ Bauvorschriften, die keine Balkone zulassen, umgehen.

microchic © microchic

Anspruchsvolles Wohnen auf unter 30 Quadratmetern verspricht der visionäre Entwurf „microchic“.

Sieger des Wettbewerbs zum Thema Mikrowohnen ist „microchic“. Der Entwurf von „bfs d Flachsbarth Schultz“ soll nicht studentisch und rein funktional, sondern elegant und sinnlich anmuten – wie aus der Entwurfsbeschreibung zu entnehmen ist. Dabei wird nur eine Raumseite durch eine mit beweglichen Paneelen verkleidete Wand gestaltet, die begehbar ist. Der Rest des Apartments bleibt frei. Im unteren Raumbereich gibt es Stauraummöglichkeiten, oben eine Schlafkoje und eine Küchenzeile. Auf der nächsthöheren Raumebene findet sich das Bad.

Die Zeichen stehen auf Downsizing

Das Ziel ist klar: Weniger Ressourcenverbrauch, weniger Versiegelung, weniger Energie, weniger Ballast, ein kleinerer ökologischer Fußabdruck – all diesen gesellschaftlichen Tendenzen wird der Trend des Microliving gerecht. In der bereits gelebten Realität und den zahlreichen Visionen der Branchenkreativen.


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Datum: 04.09.2017

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