Stadt in Film und Fernsehen

Kein Kino ohne starke Charaktere. Der Held, der Dieb, der Freund, der Verführer, der Geheimnisvolle und der Grauenhafte. Nein – dabei handelt es sich nicht um Rollen für Schauspieler, sondern um Orte, in denen Geschichten spielen. Städte, Kleinstädte und Dörfer sind im Film ganz bestimmten Archetypen zugeordnet.

Wenn es Nacht wird in Gotham City und sich der Dampf aus der Kanalisation die Gullydeckel hochdrückt, dann kommen die finsteren Gestalten aus ihren Verstecken und rotten sich im Schatten der mächtigen Hochhäuser zusammen. Wie gut, dass auf dem Dach der Polizeistation der Scheinwerfer mit dem Fledermauslogo installiert ist und Polizeichef Gordon nur noch den Lichtschalter betätigen muss, damit Batman angeflattert kommt. In letzter Instanz wird Batman freilich scheitern, denn Gotham ist und bleibt – trotz aller Bemühungen Bruce Waynes im Fledermauskostüm – eine zerrissene, anonyme und dreckige Großstadt, die dem Kinogänger vor allem eines vermitteln soll: Hier möchte ich lieber nicht wohnen! In keinem der Batmanfilme, weder denen von Christopher Nolan oder in den quietschbunten Adaptionen von Joel Schumacher, wird die Heimatstadt von Bruce Wayne als besonders lebenswert dargestellt. Sie ist vielmehr das architektonische Äquivalent zum bösen Dieb, der unsere Ängste schüren und unser Unbehagen steigern soll – und das dem kleinen Bruce gar seine Eltern raubte. Vorlage für Gotham, ein anderer Spitzname für den Big Apple, den einst schon Edgar Allan Poe gebrauchte, ist zweifelsohne New York City selbst. Kaum zu glauben, dass diese düstere Stadt auch kumpelhaft rüberkommen kann. In den überaus erfolgreichen Fernsehserien „Friends“ oder „How I met your Mother“.

Verdichtet und verloren

Das könnte natürlich alles nur Zufall sein, mag einer meinen, doch wenn wir die Geschichten um Batman in einer anderen Stadt ansiedeln würden – sagen wir Los Angeles –, entstünde eine ganz andere Story mit einer ganz anderen Atmosphäre. In diesem Fall wäre diese viel schwüler und glitzernder, samt Palmen und Meeresrauschen im Hintergrund. Zwar bietet die kalifornische Stadt der Engel ein hervorragendes Setting für Film-noir-Geschichten, doch Batman würde sich lächerlich machen, wenn er mit seinem großen Cape die niedrigen Bungalows zwischen Santa Monica und Tarzana runterhüpfen würde. Stadt wird meist mit Verdichtung gleichgesetzt, auch im Film. Sie ist unübersichtlich, beengend, vielschichtig. Hinter jeder Ecke kann Gefahr lauern. Ihre langen, schluchtartigen Straßen, mit den Abertausenden Kreuzungen sind die Venen des Lebens, in denen sich der Protagonist nur allzu schnell verfahren kann. Wie in Michael Manns „Collateral“ oder Nicolas Winding Refns „Drive“. Beide haben ihren Schauplatz eben in Los Angeles. Eine Metropole, die nicht unbedingt für Verdichtung steht, sondern aufgrund ihrer immensen Ausdehnung vielmehr ein Gefühl von Verlorenheit transportiert. Beste Filmbeispiele sind neben den beiden gerade erwähnten Actionthrillern auch „Magnolia“, „L.A. Crash“, „Heat“ und – natürlich – „L.A. Confidential“.

Ein Film, der die Verlorenheit der Großstadt bei Nacht wie kaum ein zweiter in Szene setzt (mal urkomisch, mal tieftraurig), ist nebenbei bemerkt Jim Jarmuschs Taxihommage „Night on Earth“ – mit Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki als heimliche Nebendarsteller.

In einer Metropole sind sich die meisten fremd. Wenn sich zwei Menschen begegnen, ist also alles offen. In Liebeskomödien funktioniert dieses Prinzip übrigens sehr gut. Da treffen sich Tom Hanks und Meg Ryan erst ganz zum Schluss auf dem Empire State Building – auch wenn der Film „Schlaflos in Seattle“ heißt. Fremd waren sie sich dort die ganze Zeit, genauso fremd wie sie sich in „E-Mail für Dich“ waren, obwohl sie sich dort ja eigentlich kannten. Und nun stellen Sie sich den Plot von „Schlaflos in Seattle“ einmal in einer Kleinstadt vor, wo Annie ihren Sam sofort an der Stimme identifiziert hätte. Eine Großstadt steht für Verwirrung – besonders im Privat- und Liebesleben. Die Damen von „Sex and the City“ können eine ganze Fernsehserie und zwei Kinoadaptionen davon berichten. In diesen Fällen ist die Stadt ganz der Verführer. Wer die große Liebe sucht, sollte es also auf der Fifth Avenue (oder auf den Champs-Elysées) versuchen. Oder aber in kleinen pittoresken Dörfern in Italien und Frankreich.

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Sonnendurchflutete Dörfer sind in Filmen meist nur dann positiv besetzt, wenn sie in Südeuropa liegen.

Nur ein schönes Dorf ist ein gutes Dorf

Das Gegenteil von Stadt – das Dorf – ist für Liebesfilme ebenfalls perfekt geeignet. Vorausgesetzt es liegt in Südeuropa, ist lichtdurchflutet und keines seiner abgefilmten Häuser jünger als 200 Jahre. Das sich die wunderbar weichen Landschaften der Toskana oder der Provence mit ihren entzückenden Dörfchen für romantische Herzschmerzfilme eignen, wird jedem klar sein, der schon einmal die Gegend besucht hat. Da, wo wir gerne Urlaub machen und es so herrlich nach Lavendel duftet, fällt uns ohnehin vieles leichter, sogar das Verlieben. Plötzlich scheint alles so übersichtlich. Für das Happy End sind höchstens ein paar sprachliche Missverständnisse auszuräumen, oder es gilt, eine resolute Schwiegermutter in spe zu überwinden. Ganz anders verhält es sich freilich mit Wüstendörfern, besonders mit solchen, die im Wilden Westen liegen. Mögen auch sie sonnendurchflutet sein, romantisch sind sie eher selten. Kleine Käffer, gerne zerrissen und heruntergekommen, stehen für Ablehnung und Verschlossenheit. Die ihnen innewohnende Bedrohung gründet in Intimität – in der eigenen, aber auch in der des Gegenübers. Denn in den seltensten Fällen kommt der Protagonist aus einem dieser Dörfer, vielmehr verschlägt es ihn zufällig dorthin. Er dringt gleichsam in ein für ihn verbotenes Habitat ein. Noch kleiner als das kleinste Dorf sind einzelne, einsam stehende Häuser. Bates Motel aus „Psycho“ etwa oder jedes x-beliebige Spukschloss.

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So ordentlich und übersichtlich amerikanische Vorstädte und Kleinstädte auch sein mögen – hinter ihrer sauberen Fassade lauert der dunkle Abgrund.

Der Horror liegt in Nachbars Garten

Ähnlich, aber eigentlich doch ganz anders sind amerikanische Kleinstädte. Hier, wo jeder jeden kennt, fällt das Fremde sofort auf. Besonders arglistig dann, wenn sich das Unbekannte die Maske des Bekannten und Biederen überzieht – und plötzlich jeder Nachbar ein potenzieller Antichrist sein könnte. Die scheinbare Klarheit und Überschaubarkeit einer Kleinstadt, samt Highschool, Kirchenchor und kumpelhaftem Sheriff, ist die perfekte Kulisse für undurchsichtige Filme. Denn was fürchten wir mehr, als den inneren Abgrund einer uns doch ganz nahestehenden Person? Kein Wunder, dass Steven King viele seiner Werke in die amerikanische Provinz verlagert. „Needful Things“ oder „ES“ beispielsweise. Auch Steven Spielberg thematisiert die Ambivalenz des Bekannten und des Fremden in der Kleinstadt in seinen Werken wie „Die unglaubliche Begegnung der Dritten Art“ oder natürlich auch „E.T.“. Zurzeit feiert die Netflix-Serie „Stranger Things“ weltweit große Erfolge, in der eine Gruppe Jugendlicher aus dem kleinen Städtchen Hawkins Bekanntschaft mit einem Monster aus einer Parallelwelt macht. Überhaupt wird Kleinstadthorror gerne aus der Sicht von Teenagern erzählt. Gleicht der Prozess des Erwachsenwerdens doch ein wenig der Entwurzelung vom Altbekannten und dem Erfahren dunkler Seiten – den eigenen und jenen der Umwelt.

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Filme prägen unsere Sichtweise. Paris ist nicht erst seit Amélie eine fabelhaft entzückende, pastellfarbene Stadt.

Von der Leinwand auf die Postkarte

Andersherum hat das Kino auch unsere Sicht auf viele Städte geprägt. Jeder kennt Paris mit seinem Eiffelturm, selbst wenn er noch nie die Grenzen Frankreichs überschritten hat. Metropolen wie New York, London, Rom oder Los Angeles sind uns Menschen komplett geläufig, auch ganz ohne Städtetrip. Mehr noch, Kino verstärkt die Symbole einer Stadt, gibt ihnen zum Teil erst ihre Geschichte und Faszination. Was, wenn King Kong niemals flugzeugbekämpfend auf das Empire State Building geklettert, sondern einfach nur stumpf in den Hudson River gefallen wäre? Die X-Men haben im gleichnamigen Film ihr Showdown auf der Freiheitsstatue, James Bond kämpfte auf der Golden Gate Bridge wie auch auf dem Eiffelturm. Und im Glockenturm Big Ben lieferten sich auch schon manche Helden einen Kampf mit Bösewichten. Außerdem scheint es ein stilles (Film)Gesetz zu geben, das besagt, dass in jedem Film, der in einer Metropole spielt, mindestens EINMAL das entsprechende Wahrzeichen zu sehen sein muss!

Stadt als Filmraum

Im Film werden aber nicht nur schöne Sightseeingpunkte abgehakt oder Städte als atmosphärisches Setting für ein Genre verwendet. Filmemacher spielen auch mit der Dreidimensionalität urbaner Räume. In der Stummfilmzeit, als meist nur im Studio gedreht wurde, definierte die Bauweise der Kulisse letztlich das optische Raumempfinden. Die Leinwand wirkte vermeintlich größer. Man denke nur an das abstrakte Setting von „Das Kabinett des Dr. Caligari“ oder die Tiefe in Fritz Langs Megastadt „Metropolis“. Dieses Spiel mit dem Raum griffen Filme wie „Dark City“ (wo Außerirdische Nacht für Nacht die Stadt der Menschen „umbauen“, um die menschliche Seele zu erforschen) und natürlich „Inception“ mit seinem berühmten „City Bending“ (also das „Auf-den-Kopf-Stellen“ der Stadt) wieder auf.

Manche Regisseure nutzen die wirkliche architektonische Struktur einer Stadt, um ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen. Luc Bessons „Subway“ beispielsweise, das hauptsächlich im stark verzweigten Röhrensystem der Pariser Metro spielt. Jacques Tatis Film „Tatis herrliche Zeiten“, (für den der Regisseur eine ganze Stadt vor den Toren der französischen Hauptstadt errichten ließ,) lässt seinen Protagonisten balletthaft durch eine sterile und unpersönliche Stadttopografie irren – womit wir wieder bei der Verlorenheit des Menschen im Bauch der (Film)Stadt angekommen wären.


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Datum: 14.06.2017

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