George Soros analysiert Finanzkrise

In einem Beitrag in der "New York Review of Books" führte der US-Milliardär George Soros seine Thesen zur aktuellen Krise aus.

Vor einigen Tagen trug George Soros an der von ihm gegründeten und lange Zeit finanzierten Budapester "Central European University" seine jüngst in einer New Yorker Zeitschrift unter dem Titel "The Crisis & What To Do About It" veröffentlichten Ansichten zur aktuellen Wirtschaftskrise unter Berücksichtigung der Lage in Ungarn vor. Kernthese Soros' war dabei, dass der freie Markt unfähig sei, sich selbst zu regulieren. Auch die gigantischen Hilfs- und Stützungsmaßnahmen von Regierungen und Staaten sowie des IWF würden aber nicht mehr ausreichen, eine Rezession, ja eventuell sogar Depression, zu vermeiden. Er habe in seinen Büchern des öfteren Warnrufe ausgestoßen, wozu es aber schließlich gekommen sei, sei noch gewaltiger und vehementer als je von ihm erwartet.

Das besondere an der jetzigen Weltwirtschaftskrise sei laut Soros, dass sie keine exogenen Ursachen habe: Die Finanzkrise sei von Finanzmarkt selbst verursacht worden, der den Kollaps in sich selbst trage. Die Blase sei schon jahrzehntelang gewachsen und sei jetzt eben geplatzt. Zwar sei die amerikanische Immobilien- und Hypothekenblase der unmittelbare Anlass für die Krise gewesen, allein dahinter sei tatsächlich der Glaube an die Selbstregulierungsfähigkeit des Marktes - eine "Superblase" - gestanden.

Der Prozess habe noch unter den Regierungen Reagan und Thatcher in den 1980er Jahren begonnen, als die Staaten, der Selbstregulierungsfähigkeit der Märkte blind vertrauend, die Kontrolle über die Finanzmärkte schrittweise aufgegeben hätten. In gewissen Bereichen sei es unter den Rahmenbedingungen der Globalisierung sogar so weit gekommen, dass es in weiten Bereichen keine Kontrolle mehr über Kapitalströme gegeben habe: In den USA konnten Geldinstitute so ganze Produkte bereits nach eigenem Gutdünken einführen und verkaufen. Oftmals hätten die staatlichen Behörden Sinn und Zweck dieser gar nicht mehr verstanden, und es sei zu Kreditkonstruktionen gekommen, die jeder Realität bzw. jeden realen Geldes entbehrt hätten.

Theorien die weismachen wollten, der Markt sei an sich bestrebt, immer wieder ein Gleichgewicht herzustellen, seien nach Soros schon allein deshalb falsch, weil sie davon ausgingen, dass Finanzsystem sei ebenso rational wie die Naturgesetze - allein, wo Menschen in Prozesse eingriffen, gebe es immer Missverständnisse und Irrationalismen - viel mehr noch: könne doch eine bestimmte "Realität" manipuliert oder konstruiert werden.

Soros veranschaulichte dies am Beispiel der Immobilienblase: Die Preise seien angestiegen, was wiederum die Lust zur Kreditvergabe erhöht habe. Schließlich hätten die Banken sogar den kompletten Preis für neue Häuser und Wohnungen als Kredit verliehen, ohne die wirtschaftliche Lage von Kreditnehmern gründlich zu überprüfen. Sie hätten blindlings vertraut, dass der Wert der Immobilien ohnehin steigen, und die Hypothek für eine Deckung des Kredits damit ausreichen werde. Laut Soros war dies bereits eine gründliche Fehlinterpretation der Realität, seien doch die Immobilienpreise nicht von selbst gestiegen, sondern eben weil man so leicht an Kredite für den Kauf von Immobilien gekommen sei. Damit sei aber ein Teufelskreis in Gang gekommen: Hohe Preise bei den Immobilien, leichte Kreditvergabe weitere Wertsteigerungen...

Die großen Hilfsaktionen werden - so Soros - nur den Staaten im Zentrum der Weltwirtschaft helfen können, den Staaten an der Peripherie müsse der IWF helfen, was aber auch nicht ausreichen werde - und den ärmsten der Armen werde auch das IWF nicht helfen können. So gesehen sei das Bankenhilfspakte der US-Regierung vergeudetes Geld, weil das Konzept, demzufolge es zur Verteilung gibt, schlecht sei, weil es nicht zu einer Restrukturierung des Systems führen werde, sondern nur eine schnelle Stützung des Systems mit sich bringe.

Soros trat vehement für eine Neuregelung des Weltfinanzsystems ein, in der die USA ihre führende Rolle abgeben müssen. Eine allumfassende Lösung könne aber nur ein stärkeres Eingreifen des Staates bedeuten - vor allem im Bereich der Kreditvergabe und in der Förderung alternativer Energiequellen - wobei er hier vor einer übertriebenen Bürokratie warnte.

Bezüglich Ungarn erklärte er, dass das Land zur Zeit ökonomisch und finanziell schwach und deshalb äußerst gefährdet sei. Ein Problem liege auch im ungarischen Steuersystem, in das nur wenige einzahlen, jene aber die dies tun, exorbitant viel zu zahlen haben. Dabei handle es sich um einen Teufelskreis: Da wenige Steuer zahlen würden, können man auch diese nicht senken. Und da jene wiederum, die Steuerzahlungen mit allen möglichen Tricks verweigern würden, bei Wahlen eine Regierung, die rigorosere Maßnahmen durchsetzt, auch abwählen kann, habe einfach jede Regierung vor solchen Schritten Angst. Soros zeigte sich aber optimistisch, dass angesichts des gerade abgewehrten Staatsbankrotts nun die Politiker des Landes über ihren eigenen Schatten springen werden können - und vielleicht Mittel und Wege finden werden, endlich zu kooperieren und gemeinsame ökonomische Strategien zu entwickeln.


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Datum: 13.08.2009

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