Digitaler Traum oder digitales Trauma?

Kongress-Talk: Stehen Bauwirtschaft und Architekturszene noch immer angewurzelt auf der analogen Bremse und damit wie das metaphorische Reh vorm Auto? Oder ist die Angststarre vielleicht doch schon einer digitalen Aufbruchsstimmung gewichen?

Über den Ist-Stand der digitalen Transformation wurde beim Kongress der IG Lebenszyklus Bau diskutiert. Getreu dem Motto „Zukunft passiert jetzt“ wurde bei der siebenten Kongressauflage der IG in der Zentrale der Wirtschaftskammer Österreich die Frage nach der digitalen Fitness der Branche – und zwar im Hier und Heute – gestellt. Wer stemmt die damit einhergehenden Herausforderungen? Wer surft bereits auf der Digi-Welle? Und wer droht von ihr überrollt zu werden? Und vor allem: Warum?

G Lebenszyklus Bau/Leo Hagen © G Lebenszyklus Bau/Leo Hagen

Beim Kongress, von links nach rechts: Christoph Achammer (ATP architekten ingenieure), Wolfgang Kradischnig (Delta), Erich Thewanger (KPMG), Karl Friedl (M.O.O.CON), Stephan Heid (Heid Schiefer Rechtsanwälte) und Start-up-Experte Daniel Cronin.

Gräben zwischen den Disziplinen zuschütten

Metapher-Geberin Susanne Pöchacker, ihrerseits Theater- und Fernsehschauspielerin, Kabarettistin und Wissensmanagerin, hatte darauf ihre ganz eigene Sicht der Dinge, die sie in improvisierten Einlagen zum Vergnügen der Teilnehmer absolvierte. Ernster wurde es bei den Podiumsdiskussionen und Impulsreferaten. Simultaneous Engineering, digitale Logistik- und Abrechnungsprozesse, Crowdinvesting, Automation, Predictive Maintenance: Ans digital Eingemachte wagten sich hingegen die insgesamt 33 Vortragenden aus allen Bereichen des Gebäudelebenszyklus sowie Vorreiter und Influencer der digitalen Revolution. Dass man sich inmitten einer solchen befände, bestätigte Karl Friedl, Sprecher der IG Lebenszyklus Bau (im Bild: Dritter von rechts). Überleben würden jene, die über den berühmten Tellerrand blickten, sich vernetzten. „Wir müssen die zuallererst die Gräben zwischen Planer, Architekten und Ausführer zuschütten“, so sein Aufruf in die Menge. Erst dann würde der der Wechsel von der analogen in die digitale Spur gelingen können. Und: „Der digitale Zwilling muss gehegt und gepflegt werden – auch in der Baubranche.“

G Lebenszyklus Bau/Leo Hagen © G Lebenszyklus Bau/Leo Hagen

Digitale Revolution: Kulturwandel in den Köpfen

„Wenn wir BIM nicht anwenden, werden wir scheitern“, so der drastische Befund von Architekt Christoph M. Achammer (im Bild: Erster von links). In Sachen Produktivität sei die Bauwirtschaft am Stand des Jahres 1964. Der Industriesektor im Vergleich meilenweit voraus – auch was die technologische Wende betrifft.

Die Digitalisierung im eigenen Branchenbiotop ist seiner Lesart nach erst „in Nuancen“ feststellbar. Um hier voranzukommen, müsse auf Prozess-, und Organisationsebene optimiert werden. Wesentlich sei ein Kulturwandel in den Köpfen. „Wir brauchen Zusammenarbeit, die Transparenz schafft“, folgert der Architekt. Die entscheidende Ressource für die Reduktion der Komplexität, die die Digitalisierung mit sich bringe. „Derzeit sind selbst die besten Leute nicht in der Lage mit den aktuellen Strukturen vernünftige Lösungen zu erarbeiten“, so der Experte.

Verändern oder verschwinden

Den Wandel sieht er weniger als technische, sondern vielmehr als intellektuelle Herausforderung. „Wir müssen uns bewusst machen, dass in den kommenden fünf Jahren größere Umwälzungen stattfinden werden, als in den letzten fünfhundert Jahren.“ Für ihn ist der digitale Wandel mehr als nur der bloße Austausch der Werkzeuge. Disruptive Innovationen würden den Prozess des Bauens komplett verändern. „Wir werden mit neuen Abläufen konfrontiert sein, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.“ Wer stehen bleibe, werde verlieren. Er schätzt: „Mehr als die Hälfte der Bauunternehmen wird sich nach aktuellem Stand der Dinge warm anziehen müssen.“

Auch Friedl ortet starken Handlungsbedarf. Doch sei der Leidensdruck bei manchen noch immer nicht hoch genug. Der kulturelle Wandel, der in einer partnerschaftlichen Projektkultur zwischen allen Projektbeteiligten begründet ist, müsse jedoch jetzt angestoßen werden. „Später wird zu spät sein" – und zwar für sämtliche, ängstlich agierende Vertreter der Bau-, Architektur- und Planungszene auf freier Wildbahn.


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Datum: 24.11.2017

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