"Ich verliebe mich in jedes Projekt neu"

Über 5000 Wohnungen hat Robert Gassner in den letzten 25 Jahren zu einmaligen Lebensräumen umgestaltet. Seine Domäne ist die nachhaltige Sanierung von Altbauten und Gründerzeithäusern. Anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches haben wir ihn zum Interview gebeten.

Herr Gassner, als Experte für energetische Sanierung machen Sie deutlich, dass eine nachhaltige Modernisierung alter Mauern keinen Cent mehr kostet. Dass sie aber ungleich lebenswerter und schöner ausfällt, wenn das Wissen über Bauphysik mit der Poesie purer Materialien und dem Gespür für zeitloses Design zusammenspielt. Sprechen wir über Ihre Arbeit.

Wer ist der typische Altbauwohnungseigentümer? Was macht ihn aus und warum kommt der Neubau für ihn normalerweise nicht in Frage?

Ing. Robert Gassner: Menschen, die das besondere Flair eines Althauses schätzen, die besondere Atmosphäre, die Geschichte rund um das Haus, die hohen Räume, die massive Ziegelbauweise und die besonderen Proportionen der Architektur.

Mit welchen Schlagworten würden Sie das „Wohnen der Zukunft“ belegen und was macht für Sie das Wohnen der Zukunft aus?

Gassner: Ökologisch spürbar wohnen. Das heißt, die Wohnung wird zum Rückzugsort für die Erholung in der schnelllebigen Zeit. Mit allen Sinnen wohnen bei gleichzeitig geringem Energieverbrauch. Unter dem Motto: Weniger ist mehr - bringt uns zurück zu den Wurzeln.

Stichwort Nachverdichtung: Wie kann sie wirklich funktionieren und warum ist das Thema so wichtig?

Gassner: Die Nachverdichtung ist ein Teil des ökologischen Fußabdruckes. Die Infrastruktur (öffentlicher Verkehr, Straßen, Geschäfte) ist bereits vorhanden, wir schaffen in den typischen Gründerzeitvierteln bis zu 50 % mehr Nutzfläche. Es kommt zu einer sozialen, gesunden Durchmischung zwischen Mietern und Eigentümern, Großwohnungen wie Kleinwohnungen in einem Haus vereint.
Die Belebung der Erdgeschoß-Zonen ist in den Gründerzeitvierteln ist noch ein sehr großes Thema. Wir schaffen hier Lokale, Büros, Co-Working Spaces bis hin zu Gemeinschaftsräumen.

Haben Sie ein Lieblingsprojekt in Ihrer 15 jährigen Karriere?

Gassner: Ich verliebe mich jedesmal in das aktuelle Projekt; weil keines dem anderen gleicht.

Und umgekehrt: Sind Sie und Ihr Team schon einmal bei einem Projekt an Ihre Grenzen gestoßen? Wenn ja, woran lag es?

Gassner: Schwierigste Aufgabe ist es, das Vertrauen der zukünftigen Bewohner zu erlangen. Ist eine solche Basis gegeben, gibt es in den jeweiligen Planungsbesprechungen wahre Ideenexplosionen.

Sie planen die Wohnungen ja zum Teil bis ins kleinste Detail. Gibt es „die Gassner-Handschrift“?

Gassner: Eine gesunde Grundstruktur zu schaffen, die jederzeit den Veränderungen der Zeit angepasst werden kann, darum geht es mir. Vom Single-Haushalt bis zur Familieneinheit können mit geringem Aufwand Veränderungen durchgeführt werden. Die besonderen Materialien, die Freiräume und die Ein-, Durch- und Ausblicke in der Gestaltung sind uns ganz wichtig. Wichtig erscheint uns auch, die Atmosphäre sowie die Temperatur des Raumes spürbar zu machen - nicht durch Heizung, sondern durch Oberflächengestaltung.

Sie unterstreichen in Ihrem Buch die Wichtigkeit natürlicher Materialien. Können Sie kurz erläutern, worum es Ihnen und Ihrem Team hierbei geht? Und haben Sie Lieblingsmaterialien, die in jedem Ihrer Projekte eingesetzt werden?

Gassner: Wiederum, es geht um die gesunde Grundstruktur. Das bedeutet: Holzböden mit Struktur, Steinböden in ihrer ursprünglichen Gestalt. Die Materialien sollen beim barfuß gehen spürbar werden. Kalkputz statt Gipskartonwände. Mit allen Sinnen leben eben. Dann haben wir alles richtig gemacht.

Wie wichtig ist die Schaffung von Freiräumen für Ihre Kunden? Und worauf legen Sie bei der Gestaltung besonderen Wert?

Gassner: Wir arbeiten nach dem Motto: „Keine Wohnung ohne Freiräume“. Freiräume bedeutet für uns auch Freiheit schaffen, einen Schritt in die Natur setzen, die Jahreszeiten erleben, wieder „garteln", den Bezug zu den Pflanzen aufbauen. Dann kauft man auch im Supermarkt gleich wieder bewusster ein….
Wir arbeiten hier auch mit einer „Permakultur“ Gärtnerin zusammen und schaffen so Grünoasen, die natürlich auf den entsprechenden Plätzen entstehen. Künstliche Rasenflächen wollen wir keine.

Nehmen wir an, es gibt keine Gründerzeithäuser mehr, die revitalisiert werden wollen. Welcher Gebäudetyp, welcher Architektur- oder Baubereich wartet auf Sie?

Gassner: Ich finde ganz besonders die Gebäude der 30er Jahre spannend, die haben oft sehr schöne Proportionen. Eine besondere Aufgabe, sowohl energetisch als auch architektonisch, wird die Sanierung der Plattenbauten werden. Hier reizt einfach die Herausforderung.

Vielen Dank für das Gespräch!


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Datum: 24.11.2017

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