Big City Life

© Fat Bird, Novikov Aleksey/shutterstock.com Besser als jeder Verkehrspolizist: Moskau hat 1,6 Milliarden Euro in das Stadtentwicklungsprojekt „My Street“ gesteckt. Mithilfe von Big Data konnte die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den chronisch verstopften Straßen erhöht werden. Gleichzeitg sanken die Unfallzahlen, während die Öffi-Kapazitäten gestiegen sind.

Lassen Sie uns gemeinsam ein auf den ersten Blick gewagtes Gedankenexperiment durchspielen: Wir leben inmitten einer Millionenstadt ohne Staus zur Rushhour und ohne stundenlanges Parkplatzsuchen. ...

... Einer Stadt frei von Luftverschmutzung. Einer Metropole, in der man auch spätnachts ohne Angst durch die Gassen schlendern kann. Ein idyllisches Hirngespinst, oder? Sie werden überrascht sein, aber Big Data könnte diese Fantasie wahr werden lassen und die Lösung all jener Probleme sein, die eine moderne Millionenstadt tagtäglich plagen.

Nicht schon wieder Big Data!

Big Data, echt jetzt? Ja, das unsägliche Modewort könnte die Antwort sein. Big Data, dabei geht es nicht um die 3,5 Millionen Suchanfragen, die wir weltweit in einer durchschnittlichen „Internetminute“ bei Google deponieren. Es geht auch nicht um die 751.522 US-Dollar, die wir in derselben Zeitspanne online ausgeben, oder um den Cat Content, den wir in 156 Millionen Mails einfügen, die wir in 60 Sekunden verschicken (Zahlen: 2017, © Cumulus Media). Und auch wenn allein diese Zahlen schon unglaublich klingen, geht es doch vielmehr um jene Datenströme, die scheinbar ganz ohne unser Zutun entstehen: Bis 2020 werden laut IHS Technology rund 30,7 Milliarden mit dem Internet verbundene „Devices“ munter Daten durch die Welt schicken. Jede Sekunde generieren wir mit unseren Mobiltelefonen Standort- und Bewegungsdaten, die tiefe Einblicke in unseren Alltag erlauben; bis 2020 werden 250 Millionen Autos in Echtzeit mit der restlichen Welt kommunizieren. Und all diese Daten machen Konzerne wie Google und Co, die individuell maßgeschneiderte Werbung in ungeahnter Perfektion möglich machen, minütlich reicher und mächtiger … Diese Daten haben jedoch auch das Potenzial, unser Leben maßgeblich zu verbessern.

Moskau, Moskau …

Gehen wir von der Metaebene in ein konkretes Beispiel: Moskau, die größte Stadt Europas, muss täglich fünf Millionen Autos verkraften. Mit der Metro fahren jeden Tag elf Millionen Menschen. Eineinhalb Stunden Fahrzeit für 15 Kilometer Wegstrecke mit dem Auto sind nichts Ungewöhnliches – trotz der überbreiten „Prospekte“, jener Straßen, die acht-, manchmal gar zwölfspurig die Stadt durchschneiden. So präsentierte sich die über zehn Millionen Menschen fassende Metropole wenig verwunderlich in der Vergangenheit gerne unter einer dicken Smogwolke. Bis 2017 ... Im März vergangenen Jahres wollten die Verantwortlichen dieser sich kontinuierlich verschlechternden Situation nicht mehr tatenlos zusehen und starteten das „My Street“-Projekt. Forscher nahmen sich jetzt alle verfügbaren Daten zu Populationsdichte, öffentlichem und privatem Verkehr, zu Fußwegen, Luftqualität und andere Parameter vor. Eine schier unüberschaubare Menge an Einzeldaten und Bewegungsprofilen, aus denen man herauslesen wollte, wie der Verkehrsfluss optimiert, das Leben für Fußgänger und Radfahrer sicherer und gesünder gestaltet und zum Drüberstreuen mit neuen Grünflächen die Luftqualität und Temperatur in der Stadt verbessert werden könnten.

www.sidewalklabs.com © www.sidewalklabs.com

Dieses zu diesem Zeitpunkt größte urbane Entwicklungsprojekt der Welt galt in einer historisch gewachsenen Stadt wie Moskau als übertrieben ambitioniert und wenig zielführend. Mit einem Gesamtbudget von 1,6 Milliarden Euro bezeichneten nicht nur die Moskauer das Projekt als Geldvernichtung auf höchstem Niveau. Die ersten Ergebnisse geben den Forschern allerdings recht: Das Datenmaterial erlaubte es ihnen nämlich schon nach kurzer Zeit, Verkehrsmuster zu identifizieren und durch Straßenumbauten und den Einsatz von smarten und energiesparenden Ampeln die durchschnittliche Geschwindigkeit um zehn Prozent zu steigern. Gleichzeitig konnte die Unfallhäufigkeit um 40 Prozent reduziert werden. Dank der Erhöhung der Kapazitäten der öffentlichen Verkehrsmittel in der Moskauer City um 50 Prozent konnten die Stadtplaner außerdem auf manchen Straßen die Anzahl der Spuren reduzieren und stattdessen Rad- und Gehwege errichten. In Summe wuchs die für Rad- und Gehwege verplante Fläche in einigen Gegenden um 50 bis 200 Prozent. Das wiederum nutzten die Stadtbewohner mit einem Anstieg der zu Fuß zurückgelegten Strecken um 70 Prozent, was eine ganz neue Szene an schmucken Geschäften und Gastroangeboten entstehen ließ. Was wie Wohlfühlpropaganda im Vorfeld eines neuerlichen Wahlsiegs des Langzeitpräsidenten klingt, ist nur eins von vielen Beispielen, wie der „smarte“ Umgang mit Daten das Leben aller verbessern kann.

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Daten sind das Fundament, auf dem eine Google-Tochter einen heruntergekommenen Stadteil Torontos, direkt am Lake Ontario, revitalisiert: Für Wohnraum, Büros, Freizeitflächen und Industrie (Illustration oben). Die hocheffiziente Infrastruktur wandert in den Untergrund.

Toronto goes digital

Ein anderes spannendes Beispiel dafür könnte die kanadische Metropole Toronto werden. Im Herbst kündigte Premierminister Justin Trudeau mit viel medialem Getöse an, dass der Google-Ableger Sidewalk Labs auf einem Flecken von 3,3 Quadratkilometern Fläche im Osten von Downtown Toronto die Bereiche Urbanistik, Stadtentwicklung und Technologie miteinander verschmelzen will. Derzeit zeichnet sich der am Wasser gelegene Landstrich dadurch aus, dass Gebrauchtwagenhändler hier ihre Auslaufmodelle lagern, eine aufgelassene Be- und Entladevorrichtung für Güterschiffe vor sich hin rostet und schäbige Boote vor verlassenen Stegen dümpeln. Kein Ort, den irgendjemand als Zuhause bezeichnet. Die Google-Tochter will das jetzt ändern und den Stadtteil von Grund auf neu gestalten. Energieeffiziente Gebäude, die Wohnraum, Büros und Industrie gleichermaßen beherbergen, sollen das Stadtbild prägen. Roboter werden Pakete ausliefern und sich um die Müllentsorgung kümmern. Die Nutzung privater Autos soll eingeschränkt und durch selbst fahrende Vehikel – Google Cars –, Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel ersetzt werden. Strom-, Gas-, Netzwerk- und Wasserleitungen – also das Nervensystem einer jeden Stadt – sollen in unterirdischen, aber gut zugänglichen Tunnelsystemen verlegt werden, damit für Wartungs- und Reparaturarbeiten keine Straßen aufgerissen werden müssen. Wenn es regnet oder die Sonne scheint, schützen Sonnensegel die Passanten, im Winter schmelzen beheizbare Gehsteige das Eis von den Geh- und Radwegen. So weit, so wenig überraschend. Der größte Unterschied zwischen Googles städtebaulichen Plänen und herkömmlichen einschlägigen Aktivitäten ist jedoch das allgegenwärtige Sammeln von Daten. Sensoren in jedem Gebäude messen Lärmpegel und Temperatur, Kameras und Outdoorsensoren zeichnen rund um die Uhr alles auf – von Verkehrsflüssen über Fußgängerfrequenz bis hin zur Luftqualität. Sensoren im „Nervensystem“ des „Google-Bezirks“ sollen mittels „predictive maintenance“ die Wartungsarbeiten so effizient wie möglich gestalten. Nichts ist zu banal, um nicht bis ins Detail analysiert zu werden: Toilettenspülungen melden den Wasserverbrauch, die Müllroboter zeichnen das Müllaufkommen auf und die Einwohner benötigen spezielle Sidewalk-Software, um öffentliche Einrichtungen nutzen zu können. Alles ist digital, alles wird gemessen, alles wird aufgezeichnet. Die Verantwortlichen des Projekts argumentieren ihre Datensammelwut jedenfalls damit, dass sie damit die weitere Entwicklung dieses Stadtteils so kundenorientiert und nachhaltig wie nur überhaupt möglich gestalten wollen …

campbell boulanger © campbell boulanger

Angst fressen Seele auf

Angesichts dieser Ausführungen kann man sich lebhaft vorstellen, wie nun der eine oder andere den Orwellschen Überwachungsstaat zitiert. Der Bürger darf nicht gläsern werden, kritisiert der Big-Data-Gegner und verweist auf den aktuellsten Artikel über Cambridge Analytica aus der eigenen Facebook-Timeline. Stimmt: Ständige Überwachung darf nicht sein. Aber: Schon jetzt weiß Google mehr über uns als wir selbst, Facebook kennt unsere intimsten Geheimnisse, unsere Freunde und unsere Wahlpräferenzen. Und Apple weiß dank unserer Fitness-App am Handgelenk besser über unser Wohlbefinden Bescheid als unser Hausarzt. Der Data-Zug hat schon längst Fahrt aufgenommen und ist ohnehin nicht mehr zu stoppen. Derzeit sind wir aber nur unmündige Datenlieferanten, die diesen Zug befeuern. Wer will sich von den vielen datengenerierenden Gimmicks, die unseren Alltag erleichtern, verabschieden? Wer will wieder ohne Google Maps in den Urlaub fahren, ohne nicht dank Booking immer den günstigsten Hotelpreis mundgerecht serviert bekommen. Angesichts dieser bereits bestehenden Abhängigkeiten wäre es durchaus sinnvoll, den Benefit auf unserer Seite auszubauen und die ohnehin erzeugten und gesammelten Daten für unser aller Wohlbefinden zu nutzen. Open-Data-Initiativen, die Kooperation von Datensammlern wie Google und diversen Behörden und vor allem die transparente Einbindung der Betroffenen – also von uns allen – könnten uns viel über das Leben in Metropolen verraten und spannende Ideen liefern, wie wir trotz wachsender Stadtbevölkerung ein gedeihliches Miteinander erreichen. Die Daten, die wir so bereitwillig mit unseren Smartphones, Autos, Smart-TVs, Bankomat- und Kundenkarten tagtäglich erzeugen, etwas sinnvoller und gezielter auch für das Gemeinwohl und nicht nur für das Wählerprofiling der Trumps dieser Welt einzusetzen, könnte uns alle weiterbringen. Und sei es nur schneller durch die Südeinfahrt Wiens.


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Datum: 23.10.2018

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