Tainan Spring: Brückenschlag zwischen Alt und Neu

Das niederländische Architektenbüro MVRDV bringt zusammen mit den lokal ansässigen Büros LLJ Architects und The Urbanist Collective die ursprüngliche Topografie zurück in das Zentrum Tainans – mit einer urbanen Lagune auf den Überresten einer Bauruine.

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen. Fast könnte man meinen, die Planer von “Tainan Spring” ließen sich für ihr Projekt, das zu den spannendsten des vergangenen Jahres zählt, von Schillers Wilhelm Tell leiten. Die Ruinen, das waren im Falle der südtaiwanesischen Stadt Tainan das, was von der Chinatown Mall, eines 1983 erbauten und zuletzt brachliegenden Einkaufszentrums, übriggeblieben war. Als tatsächliche Inspirationsquelle diente den Architekten die Stadt selbst – ihre Geschichte, Vegetation und Wasserwege. Im Auftrag der Stadtregierung revitalisierte und renaturalisierte MVRDV hier einen Ort, der als Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadtbevölkerung besonders wertvoll ist.

Zurück ans Wasser, weg vom Verkehr

Mit dem Vorzeigeprojekt gewinnt die 1,9-Millionen-Stadt Tainan ein Stück ihrer Identität zurück. Und diese ist – wie bei Städten so oft der Fall – seit ihren Anfängen eng mit Wasser verknüpft. Seit seiner Gründung veränderten sich Tainans aquatische Landschaften immer wieder – und mit ihnen die Stadt selbst. Das Areal rund um das neu erschaffene “Tainan Spring” zeugt von dieser Dynamik: Zu Gründungszeiten war es Teil der Tajiang Lagune, später ein Hafen, zuletzt ein Shopping-Center, welches den Stadtteil vom Wasser abschnitt. Jetzt wurde die gekappte Verbindung wieder hergestellt. Als grüner Korridor, der bis zur Uferpromenade verläuft, bildet das Areal fortan mit der frisch sanierten Haian Road die sogenannte T-Achse. Abschnitte der vormaligen Hauptverkehrslinie wurden in begrünte Parklandschaften umgewandelt, das Verkehrsaufkommen dadurch reduziert. Möglich wurde dies dank eines neuen Verkehrsknotens östlich des Stadtzentrums. Und man ging sogar noch einen Schritt weiter: In den Abendstunden wird die Straße zugunsten eines florierenden Nachtlebens gänzlich autofrei.

Die Tiefgarage des Shopping-Centers wurde in eine versunkene Oase umgewandelt und großzügig bepflanzt. So soll die Stadt nach und nach wieder in die grüne Landschaft eintauchen, die sie umgibt. © MVRDV

Vom Konsumtempel über die städtische Brache zur urbanen Lagune

Veränderte Nutzungsansprüche verlangen heute nach städtebaulichen Konzepten, die längst nicht nur Konsum, sondern auch anderen Dimensionen urbanen Lebens, etwa Mobilität, Umwelt, Bildung und Kultur, Raum geben. Für die Revitalisierung der einstigen Chinatown Mall bedeutete dies konsequenterweise eine Absage an ihre überholte Vornutzung. Gleichzeitig erkannte man: Im Altbestand steckt Potenzial für ein zweites, vielfältigeres Leben. Und so verabschiedete man sich zwar von alten Konzepten, nicht aber von bestehenden Strukturen. Die bauliche Substanz des Shoppingcenters wurde nicht nach dem Tabula-rasa-Prinzip entfernt, sondern mehrheitlich recycelt. Die Planer ließen die seit Jahren menschenleere Tiefgarage der Chinatown Mall großflächig im Wasser versinken und gaben den Stadtbewohnern ihre Lagune im Herzen der Stadt zurück. An dem Ort, an dem sich Autobesitzer einst nach erfolgreicher Parkplatzjagd nicht länger als nötig aufhielten, tummeln sich jetzt die Besucher im Wasser und auf den angelegten Dünen oder entspannen in den schattigen Arkaden ringsherum.

Vermitteln und einbeziehen

Das verlassene Areal wurde zu einem Ort der Begegnung – nicht nur zwischen den Menschen. Die Besucher werden dazu eingeladen, mit dem öffentlichen Platz in Interaktion zu treten und sich seine Geschichte erzählen zu lassen. Anstatt das Dagewesene mit einem geschichtslosen Neubau zu verdrängen, lässt man Blicke in die Vergangenheit zu. Durch einen Glasboden blickt man in eines der Untergeschoße des Shoppingcenters aus den Achtzigern. Beibehaltene Säulenfundamente ragen aus der Lagune und dem sie umgebenden Park und bilden laut den Architekten ein “modernes Forum Romanum", das die Erinnerung an die wechselhafte Nutzung des Ortes hochhalten soll. Der Betonrahmen des Gebäudes wurde nur so weit abgetragen, als dass am Gelände in Zukunft kleinere Geschäfte, eine Galerie, ein Teehaus und weitere Infrastruktur entstehen können. Geschäftiger Betrieb herrscht einstweilen schon auf den öffentlichen Spielplätzen und der Freilichtbühne.

Um die Akzeptanz für das Stadtentwicklungsprojekt zu steigern und den Besuchern die Geschichte dieses Stadtteils zu vermitteln, werden alte Karten und Bilder auf Wände projiziert und 3D-Modelle des neuen Parks in Szene gesetzt. Auf Initiative der Stadtregierung wird auch im virtuellen Raum die Geschichte von Tainan Spring erzählt und weitergeschrieben – und zwar von seinen Besuchern selbst. Die Idee: Erinnerungen an das Alte bewahren, Eindrücke von dem Neuen miteinander teilen.

© MVRDV

Natur darf urbanen Raum zurückerobern

Neuer qualitativ hochwertiger Lebensraum entstand nicht nur für die Stadtbewohner Tainans. Ein wesentlicher Baustein im Masterplan von MVRDV war es, die Stadt wieder an ihre hydrologischen und botanischen Wurzeln heranzuführen. Die Lagune ist deshalb umsäumt von heimischen Pflanzen, die sie nach den Plänen der Architekten in einem Zeitraum von etwa drei Jahren in eine grüne Oase verwandeln sollen. Orientiert hat man sich an der urwaldartigen Vegetation, die hier wucherte, lange bevor sie vom Großstadtdschungel an die Peripherie verdrängt oder ganz verschluckt wurde. Für die Besucher wird jetzt die Verbindung mit der Natur wieder spürbar, ihr Rhythmus wieder erlebbar gemacht: das Wasser der Lagune steigt in Regen- und sinkt in Trockenzeiten. Sprühnebel sorgt bei sommerlicher Hitze für eine gleichermaßen notwendige wie angenehme Abkühlung und reduziert die Betriebszeiten energiefressender Klimaanlagen, ganz im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

Architektur, die verbindet

Tainan Spring zeigt vor, wie man verbaute Fläche revitalisieren und eine Brücke zwischen Altbestand und neuen Nutzungskonzepten schlagen kann. Wie in Zukunft Verbindungen geschaffen und wiederbelebt werden können. Zwischen Stadt und Natur und zwischen Stadtbewohnern und öffentlichem Raum.

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Datum: 01.07.2021

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