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Corona, die Digitalisierung, der Handel und die Stadt

Die Studie "retail in transition" stellt unterschiedliche Stadt-Szenarien dar, die im weltweiten Austausch mit Zukunftsforschern, Wissenschaftlern und Stadtplanern entworfen wurden. Studienverfasser und Architekt Caspar Schmitz-Morkramer im Interview.

Das Thema "Handel im Wandel" interessierte ihn schon vor der Pandemie, und er untersuchte es mit der büroeigenen Studie "retail in transition". Im Austausch mit Zukunftsforschern, Stadtplanern und Wissenschaftlern beleuchtete er die Perspektiven für eine erfolgreiche Zeit danach. Hier ein Auszug aus einem Interview mit Caspar Schmitz-Morkramer, in dem er auf den Zustand des Handels heute und morgen sowie die aktuellen Herausforderungen dank Digitalisierung und generellen Veränderungen in der Gesellschaft eingeht.

Sie sagen, wir sind mit Highspeed in der Digitalisierung angekommen. Offenbart das gerade auch drastisch den verpassten Anschluss des Handels an das Thema?

Caspar Schmitz-Morkramer: Leider ja! Aber wir haben nicht nur im Handel den Anschluss an die Digitalisierung verpasst. Das trifft in ganz Deutschland auf fast alle Bereiche zu. Viele Versäumnisse werden jetzt offenbar und Corona wird als Ausrede noch oft herhalten müssen. Für den Handel ist es allerdings wesentlich dramatischer, da das erste Mal seit 1922 ein richtiger Shutdown beschlossen wurde. Somit gibt es nicht nur Umsatzeinbußen, sondern einen Totalausfall. Das ist einmalig und auch nicht vorhersehbar, ein sogenannter Black Swan. Durch die Verunsicherung der Verbraucher brechen aber auch die Umsätze bei den Online-Händlern ein. Die Gewinner nach der Krise werden genau die Businessmodelle sein, die digitale und stationäre Welt vereinen können.

© Illustration: caspar

Sie haben vor einem Jahr über das Thema Handel im Wandel – retail in transition, eine ganze Studie angefertigt. Sie klingt, wie für die Krise erfunden. Waren damals schon die Lücken sichtbar, die heute schmerzlich auffallen?

Caspar Schmitz-Morkramer: Natürlich haben wir eine Krise dieser Art nicht ansatzweise vermutet. Allerdings ist der Handel schon seit vielen Jahren in einer seiner dramatischsten Umbruchphasen. Die Digitalisierung hat dem stationären Handel schwer zugesetzt. Die alten Player sind aber nie diejenigen, die die eigene Disruption vorantreiben können. Insofern werden viele Akteure – wie in allen Wirtschaftszweigen – durch neue ersetzt. Die Digitalisierung hat die Bedürfnisse an den stationären Handel grundlegend geändert. Weg vom Bedarfseinkauf hin zum Erlebnis. Hierin steckt aber auch eine große Chance für unsere Städte. Handel wird dort florieren können, wo es ein abwechslungsreiches und vielfältiges Angebot gibt. Genau diese Vielfalt ist uns in unseren Innenstädten in den letzten 50 Jahren verloren gegangen.

Die Pandemie legt derzeit die Wirtschaft und das soziale Leben in ganz Deutschland lahm. Für die Arbeitswelt ergeben sich neue Herausforderungen – Homeoffice etabliert sich als neue Arbeitskultur für viele Deutsche. Wird sich diese dezentrale Arbeitsgestaltung auch nach der Krise verfestigen? Was bedeutet das für die Entwicklung der Büroimmobilien – aber auch für den Wohnungsbau mit Homeoffice-Qualität?

Caspar Schmitz-Morkramer: Eins ist klar, vieles von dem, was sich jetzt bewährt hat, werden wir auch beibehalten. Diese Entwicklung lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Zudem hat das Experiment Remote Arbeiten in vielen Unternehmen besser geklappt, als viele es vermutet haben. Weiterhin glaube ich an eine Sehnsucht und Notwendigkeit nach einem Arbeitsplatz. Die Entwicklung der letzten Jahre, die den Arbeitsplatz zu einem Erlebnisort verwandelt hat, trifft den Zahn der Zeit. Aufgrund der Möglichkeiten der Digitalisierung in vielen Bereichen von überall aus arbeiten zu können, müssen sich die Arbeitgeber überlegen, wie attraktiv gestalte ich meine Arbeitsplätze, damit meine Mitarbeiter gerne und oft ins Büro kommen. Ich kann mir für die Zukunft aber auch dezentralere Strategien der Unternehmen vorstellen. Arbeitsplätze sollten dort geschaffen werden, wo Menschen sind, wo sie gut und schnell hinkommen können. Da der Arbeitsplatz nicht mehr an einen speziellen Tisch gebunden ist, kann das Arbeiten dezentral auch an ganz unterschiedlichen Orten stattfinden. Eine Herausforderung für den Wohnungsbau.