Beschwerdefrei bauen?

Was „gesunde Architektur“ meint und warum Planer und Auftraggeber leider allzu oft auf Beruhigungspillen setzen: Ein Gespräch mit Umweltmediziner Hans-Peter Hutter über den Wunsch nach Wohlbefinden und einen möglichen Perspektivenwandel.

Architektur im Mittelpunkt:
Atmosphäre ist ein Schlagwort, mit dem die Architektur umzugehen weiß: Denken Planungsbüros Ihrer Erfahrung nach über ästhetische Komponenten und Werkstoffliches hinaus, beispielsweise etwa gezielt an das Raumklima?

Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner
Meiner Erfahrung nach muss ich das leider verneinen. In der Regel dominieren wirtschaftliche und ästhetische Gesichtspunkte den Planungsprozess. Vorausschauende Überlegungen in Bezug auf Wohlbefinden und Gesundheit bleiben somit oft auf der Strecke. Interessanterweise werden häufig nicht einmal jene Aspekte berücksichtigt, die belegbar der Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter nützen und damit auch betriebswirtschaftlich sinnvoll sind. Etwa das Vermeiden hoher Schallpegel in Großraumbüros, die die Leistungsfähigkeit deutlich herabsetzen. Auch die Glaspaläste sind Legion, in denen enorme Energie aufgewendet werden muss, um die Temperatur im Innenraum auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

AIM: Was braucht ein Gebäude generell – ob nun groß oder klein –, damit sich so etwas wie Behaglichkeit einstellen kann?

HPH: Einen gut durchdachten, vorausschauenden Plan und entsprechende Informationsbeschaffung. Eben ein Herangehen abseits der üblichen architektonischen Pfade. Schon im Vorfeld sollte an die Innenraum(luft)-qualität gedacht werden, Fragen rund um emissionsarme Materialien und Lüftungsstrategien sollten geklärt werden. Ausgereifte Konzepte sowie Fachleute, die sich damit schon lange beschäftigen, gibt es genug. Eine Konsultation dieser Gruppen ist kein Zeichen von Schwäche.
Für eine Optimierung von Raumklima und Luftqualität ist eine Anpassung an den individuellen Nutzer und seine Bedürfnisse notwendig. Üblicherweise wird das vernachlässigt und ein zentralistisches Konzept verfolgt, das annimmt, alle Menschen wären gleich. Die Balance der Raumklimafaktoren „Temperatur – Luftfeuchte – Luftbewegung“ muss beachtet werden und eine Anpassung an individuelle Wünsche sollte möglich sein. Weiters sind auch die Raumakustik und die Lichtverhältnisse – also Tageslicht und Beleuchtung – zu berücksichtigen.

AIM: Kennen Sie Beispiele, wo Sie selber sagen würden: Hier ist eine gesunde Basis voll und ganz vorhanden?

HPH: Solche Vorzeigeprojekte gibt es vereinzelt. Ich kenne sie nur aus diversen einschlägigen Fachzeitschriften. Wir werden ja nur dann gerufen, wenn etwas – sehr – schiefgegangen ist, sich gesundheitliche Beschwerden bei Mitarbeitern eingestellt haben oder das Wohlbefinden beeinträchtigt ist. Oft wird dann verzweifelt nach Erklärungen gesucht: Kommen diese Beschwerden vom Gebäude? Soll das Gebäude gesperrt werden? Werden nun alle krank? In großen Bürohäusern mit Hunderten Mitarbeitern ist das eine äußerst aufwendige, fachlich herausfordernde und meist auch kostenintensive Angelegenheit. Daher kann ich immer wieder nur dringend raten: Besser vorher etwas mehr auf Gesundheitsbelange achten, sonst kann es übel teuer werden.

Masyle/shutterstock.com © Masyle/shutterstock.com

AIM: Nachhaltig produzierte Baustoffe, Ökomaterialien mit einem möglichst geringen Fußabdruck sind en vogue: Ist ihr Einsatz automatisch auch gesundheitsfördernd?

HPH: Ökologisch verträgliche Materialien sind mittelbar gesundheitsfördernd, indem sie Ressourcen schonen und die Biodiversität schützen. Ein Muss in puncto Klimaschutz. Mit den Wirkungen auf den Nutzer hat das nicht unmittelbar zu tun. In vielen Fällen geht aber der Einsatz von Ökomaterialien Hand in Hand mit einer besseren Gesundheitsverträglichkeit. Denken Sie nur an mineralische Wandfarben, an Putze. Aber automatisch muss dies nicht immer so sein. Naturprodukte sind nicht automatisch gesund. Zum Beispiel kann es bei schlechter Qualität von Kork und Linoleum zu Geruchsbelastungen kommen.

AIM: Was versteht der Umweltmediziner unter „gesunder Architektur“? Findet sich Ihre Definition derzeit in der verbauten Landschaft wieder?

HPH: Gesundheit und Architektur sind schon jeweils für sich allein schwergewichtige Begriffe. Wenn sie gemeinsam verwendet werden, multipliziert sich ihre Wirkung und kann – wenn Sie wollen – übliche Perspektiven sprengen. Denken Sie etwa daran, dass es nicht nur um die Effekte der Gesundheit jener geht, die in einem Gebäude wohnen oder arbeiten. Es muss hier weitergedacht werden: etwa, ob die Nachbarn durch ein Bauwerk beeinträchtigt werden, wie beispielsweise durch Blendung, ausgehend von Glasfassaden. Oder, ob Bürokomplexe durch ihre schwer erreichbare Lage motorisierten Individualverkehr erzeugen und damit Schadstoffe.
Selbst Herkunft und Produktion der eingesetzten Materialien, nämlich unter welchen Verhältnissen die Herstellung stattgefunden hat und wie der Transport erfolgte, sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Es gibt also sehr viele Facetten. Vieles davon ist den meisten nicht bewusst und findet sich daher „in der verbauten Landschaft“ nicht.
Was in der Architektur angekommen ist, ist die Beschäftigung mit Fragen der Energieeffizienz – Stichwort Reduktion des Kühlbedarfs im Sommer und/oder des Heizbedarfs im Winter.

AIM: Ganz ehrlich: Arbeitet und wohnt man in unseren Breiten nicht viel gesünder als noch vor zwei Generationen? Und finden sich unsere eigentlichen Probleme, etwa im Bereich der Emissionen, nicht eigentlich vor der Haustür?

HPH: Es hat bei uns vor allem hinsichtlich der Schadstoffe in Innenräumen, sei es in der Wohnung oder am Arbeitsplatz, sicher enorme Verbesserungen gegeben. Ein kurzer Blick auf die Wohn- und vor allem auch die Arbeitssituation vor 100 Jahren reicht. Man muss nicht einmal in die Vergangenheit schauen: Vergleicht man unsere durchschnittliche Wohnsituation mit Slumhütten in Port-au-Prince oder in einer brasilianischen Favela … naja, dann geht es bei uns eher um Luxusprobleme.
Aber das ist etwas zu kurz gegriffen: Schlechter geht fast immer – aber auch besser. In Europa gibt es fast überall einen Mangel an erschwinglichen Wohnungen. Jene, die nach wohnmedizinischen Standards errichtet sind, kann sich kaum jemand leisten. Der große Rest erfüllt in der Regel nur Mindeststandards. Angesichts der Evidenz rund um „Gesundes Wohnen“ und deren Vernachlässigung beim üblichen Bauen ist also noch genug Luft nach oben.
Außerdem denke ich, haben wir in den sogenannten reichen Ländern auch eine Vorbildwirkung, wenn es um kluge und enkeltaugliche Architektur geht.

Pfeiffer/shutterstock.com © Pfeiffer/shutterstock.com

AIM: Wie soll die Architektur auf den Klimawandel reagieren?

HPH: Rascher als bisher und umsichtiger. Begrenzte fossile Energieressourcen und Klimawandel waren schon in den 1980er-Jahren Themen; der Städtebau setzte sich damals mit der Vermeidung urbaner Hitzeinseln auseinander. Angesichts dieser Tatsachen ist es doch befremdlich, wenn jetzt manchmal so getan wird, als ob das alles neu wäre.
Die Auswirkungen der ungehemmten Verstädterung müssen viel stärker als bisher beachtet werden. Lebten 2014 rund 54 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, werden es um 2050 circa 66 Prozent sein. Da besteht Handlungsbedarf.
So sollte zukünftig energieeffizientes Bauen nicht nur eindimensional betrachtet werden. Wenn bisher Gebäude ohne Berücksichtigung unterschiedlicher Klima- und Lebensbedingungen gebaut wurden, so führte das unausweichlich zu Anpassungsnotwendigkeiten. Und diese fußen vor allem auf dem Einsatz von Energie. Das passiert eben, wenn die gleiche Architektur, die eigentlich für unsere Breiten entwickelt wurde, global umgesetzt wird. Schlimmste Beispiele sind etwa entsprechende Hochhäuser in arabischen Staaten, die nur durch Zuführung großer Mengen an Energie die dortigen klimatischen Schwierigkeiten ausgleichen können. Energieeffiziente Architekturkonzepte müssen sich daher umorientieren, sich so weit wie möglich auch den sich ändernden klimatischen und kulturellen Bedingungen ihrer Umgebung anpassen.

Izuddin Helmi Adnan © Izuddin Helmi Adnan

„Auch die Glaspaläste sind Legion, in denen enorme Energie  aufgewendet werden muss, um die Temperatur im Innenraum auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.“

AIM: Ist die Architektur hier bereit, in einen engeren Dialog mit Medizinern zu treten, um sich für die kommenden Herausforderungen zu wappnen?

HPH: Lassen Sie mich das so beantworten: Wenn es Veranstaltungen zum Thema „Gesundes Wohnen“ gibt, ist das Interesse seitens der Architekten – sagen wir einmal – überschaubar. Dasselbe gilt im Übrigen auch für Mediziner: Nur wenige schauen über den engen klinischen Tellerrand. Daher ist es nicht überraschend, dass es bisher praktisch nur wenige aus beiden Sparten sind, die sich diesem
Thema widmen.
Angesichts der vielen Herausforderungen einerseits und der Gestaltungsfreiräume andererseits, die viel Potenzial bieten und ganz bewusst gesundheitsfördernd genützt werden sollten, ist es ein Muss, diesen Dialog um einiges engagierter als bisher aufzunehmen.

AIM: Das Lebens- und Arbeitsumfeld in Mitteleuropa wird immer schneller immer gesünder. Ein Satz, den Sie so unterschreiben würden?

HPH: Nein, denn das gilt nur für einige kleine Gruppen. Für die Mehrheit der Bevölkerung sicher nicht. Es zeigt sich doch immer deutlicher, dass der Trend, wirtschaftliche Interessen über alles andere zu stellen, weiter anhält und sogar noch verstärkt wird. Denken Sie an die Bestrebungen der Bundesregierung, Wirtschaftswachstum als Staatsziel in der Verfassung zu verankern. Das Aufweichen von Arbeitnehmerschutzbestimmungen oder aktuell die Diskussionen um die Zerschlagung der AUVA, die unter anderem Grundlagen für gesündere Arbeitsplätze erarbeitet, zeigt, wohin der Trend geht.
Auch was die Lebensbedingungen betrifft, driften die Verhältnisse immer weiter auseinander. Der Speckgürtel Wiens hat sich mittlerweile unter anderem fast bis nach St. Pölten ausgebreitet. Im Schlepptau: mehr Pendlerverkehr, vielleicht noch mit dem eigenen SUV. Darin wird dann an jenen vorbeigefahren, die an viel befahrenen Straßen leben müssen. Wo die Mieten bekanntlich niedriger sind; dafür das Gesundheitsrisiko durch Luftschadstoffe und Lärm aber deutlich höher wird. Auch nicht zu vergessen sind heruntergekommene Spekulantenquartiere, wo auf wenigen Quadratmetern viele Menschen wohnen. Umwelt- und Gesundheitsungerechtigkeit beginnt eben nicht erst in der Sahelzone.

AIM: Danke für das Gespräch!


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Datum: 25.07.2018

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