Sanierer-Award für Aushängeschilder

Die ARGE Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme fahndete zum wiederholten Mal nach den rot-weiß-roten Sanierungs-Champs. Mit dem Award wollen die Auslober Best-Practice-Projekte ehren und weiter für das Thema sensibilisieren.

Energetische Sanierungen von Wohngebäuden stagnieren seit Jahren und bleiben weit hinter dem Niveau zurück, das für das Erreichen der hoch gesteckten mittel- und langfristigen Energieeinspar- und Klimaschutzziele notwendig wäre: So das Resultat einer Studie der Deutschen Immobilien-Akademie an der Universität Freiburg. Auch Österreich schneidet nicht viel besser ab, wie bei der Ethouse-Award-Gala, ausgerichtet von der ARGE Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme, zu erfahren war. Dass das Können und das Wollen durchaus vorhanden sind, zeigten die im heurigen Jahr ausgezeichneten Vorzeigeprojekte, die, so hoffte QG-Sprecher Clemens Hecht vor versammelter Sanierermannschaft, hoffentlich viele Nachahmer finden werden. Ein ausführliches Interview über Mitspieler wie Widersacher mit dem Juryvorsitzenden, AH3-Architekt Johannes Kislinger, lesen Sie auf der nächsten Seite!

Architektur und Bauphysik als kongeniale Partner? Die Politik an Bord? Nur wenn alle Seiten wirklich miteinander wollen, sagt Ethouse-Award-Juryvorsitzender Johannes Kislinger im AiM-Talk.

Architektur im Mittelpunkt:
Rückbau, Renovierung, Neuskalierung: Der Ethouse Award fahndet nach Leuchttürmen der Energieeffizienz. Hat sich die rot-weiß-rote Sanierungslandschaft seit der ersten Award-Ausschreibung vor über zehn Jahren zum Guten oder Schlechteren verändert? Oder um bei der Metapher Leuchtturm zu bleiben: Steuert man in sicherem Fahrwasser oder besteht die Gefahr, nachhaltig auf Grund zu laufen?

Johannes Kislinger, Architekt
Beim Ethouse Award werden jedes Mal wieder hervorragende Projekte eingereicht. Insgesamt ist die Sanierungsrate rückläufig, das mag mit ein Grund sein, warum der Ethouse Award noch nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist. Ich sehe hier ein großes Potenzial, denn es gibt eine Vielzahl an Ethouse-prämierten Leuchtturmprojekten, die es nachzuahmen lohnt.

AIM: Nimmt sich die Architekturszene des Themas aktiv an? Ist Bewusstsein vorhanden, hier ökonomisch, ökologisch aber auch gesellschaftspolitisch etwas vorantreiben zu können?

JK: Mir fällt immer wieder auf, dass Dämmstoffe, wenn Sie in den Medien thematisiert werden, als ökologisch umstritten gelten. In der Architekturszene wird der Fokus nicht auf das Dämmen gelegt, denn viele Kollegen scheinen zu fürchten, dass die Freiheit der Gestaltung unter der Dämmung leidet. Auch wird der Bereich Dämmung der Bauphysik zugeordnet, die mit ihren zahlreichen Normen als Einschränkung empfunden wird. Der Ethouse Award zeigt aber immer wieder, dass Architektur und Bauphysik, wenn auch als höchst unterschiedliche, so doch als kongeniale Partnerdisziplinen agieren können.

AIM: Spielen auch Materialforschung und Baustoffindustrie über ihren eigenen Aktionsradius hinaus eine aktive Rolle?

JK: Ja, es gibt auf dem Sektor der Wärmedämmung viel Bewegung in Richtung Recyclierbarkeit und Rückbaubarkeit. Die Verbundstoffe sind ins Gerede gekommen, weil sie bisher nicht gänzlich rückstandsfrei abgebaut werden können. Aber die Industrie ist hier sehr aktiv und ich bin äußerst zuversichtlich, dass die Entwicklungen sehr vielversprechend sind.

© Bildmontage wohnnet.at nähere Informationen in der Galerie

AIM: Österreich galt in Sachen Nachhaltigkeit und bei den Klimaschutzzielen lange Jahre als Musterschüler. Jetzt liegen wir bei vielen Kennzahlen weit zurück: Wer oder was ist schuld daran?

JK: Die Frage ist vielmehr: Können wir die Klimaziele erreichen? Wenn mehrere Faktoren geschickt verknüpft werden – dann ja! Ja, wenn der aktuelle Wissensstand hinsichtlich Klimawandel und seine Zusammenhänge nicht nur bekannt sind, sondern die breite Öffentlichkeit darin die Möglichkeiten für Veränderung auch erkennt. Könnten Energiewirtschaft und Industrie nachhaltigere Produkte bereitstellen? Ja, aber um der Konkurrenz zu trotzen, sehen sich die großen Wirtschaftszweige der Industrie und Energielieferanten derzeit offensichtlich noch gezwungen, ihren Einfluss zu wahren, um ihre Rolle am Markt nicht zu verlieren. Die niedrigen Energiepreise spiegeln nicht die tatsächlichen Kosten wider, die für Herstellung und Entsorgung anfallen. Könnte eine bessere Förderpolitik dazu beitragen? Ja, denn viele Bauherren erachten die Fördervorschriften als zu unübersichtlich – und damit als zu mühsam.

AIM: Ihr Forderungskatalog an die politischen Entscheider?

JK: Zwei einfache, aber wirkungsvolle Mittel: Die Sanierungsförderung muss mindestens so attraktiv wie die Neubauförderung werden! In Österreich sind wir bei etwa 0,6 Prozent Sanierungsförderung im Bestand, Tendenz fallend, darum: Erhöhen Sie die Mindestsanierungsraten auf drei Prozent pro Jahr für Sanieren im Bestand!

AIM: Welche Bewusstseinsbildungsprozesse sind Ihrer Meinung nach zurzeit in der Bevölkerung im Gang? Strahlen die auch auf Planer, Architekten und Bauträger aus – aber auch in die Immobilienwirtschaft hinein?

JK: Qualitativ hochwertiges Bauen ist im Trend. Sanieren ist offensichtlich nicht attraktiv genug. CO2 als Klimafaktor ist in der Bewusstseinsbildung kein Faktor – man spürt es nicht, sieht es nicht und schmeckt es nicht. Die CO2-Zertifikatsbörse in Leipzig ist der Bevölkerung großteils völlig unbekannt. In der Klimaschutzdebatte ist Treibhausgas der entscheidende Faktor.

AIM: Danke für das Gespräch!

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Datum: 31.07.2018