Kinderfreundliche Stadt?

© Hertha Hurnaus Kinderspielplatz in der Seestadt Aspern

Grünflächen, Parks und Wälder weichen Wohnflächen, Straßen und öffentlichen Plätzen. Der zunehmende Verkehr verdrängt die Kinder von der Straße. Und als Ersatz dienen geplante Spielplätze und betonierte Freiflächen.

Ein direkter Vergleich zwischen Stadt- und Landleben ist schwierig bis unmöglich. Zu groß sind die Unterschiede in der Infrastruktur, dem Verkehr, der Bebauungsdichte und den noch vorhandenen Flecken unberührter Natur. Besonders deutlich wird dies, wenn man sich anschaut, wo sich Kinder und Jugendliche im jeweiligen Gebiet aufhalten, verabreden, miteinander spielen oder ihre Langeweile vertreiben.

Künstlich Geschaffenes oft nur „Alibilösung“

Sämtliches Spielzeug eingepackt und mit dem Rad oder Roller einfach raus in die Siedlung: Und wenn es nach Stunden doch mal langweilig wird, dann ab in den Wald zum Kletternüben oder Baumhausbauen. Irgendwann abends dann erschöpft, aber glücklich zurück nach Hause. Viele Stadtkinder kennen solche Szenen wohl nur aus ihren Kinderbüchern …

Fakt ist: Kinder brauchen Bewegung, Raum für Fantasie und Rückzug, Flächen und Bereiche, in denen sie sich autonom bewegen und positionieren, die sie kreieren können. Doch: Die immer stärker befahrenen Straßen zerschneiden die Stadtteile und bilden zum Teil richtige Barrieren, Wohnortstraßen als Spielorte sind teilweise komplett verloren gegangen. Als Ersatz für die natürlichen Spielflächen werden Spielplätze gebaut, Spielplätze, die nicht selten verwaist sind. Doch warum? Gerhard Lehwald vom Deutschen Kinderhilfswerk kritisiert in einem Aufsatz auf kinderpolitik.de vor allem die Isoliertheit vom öffentlichen Leben in einem Stadtviertel („Verinselung“), die unzureichende lebensweltliche Gestaltung („Designerspielplätze“) oder mangelnde Naturbelassenheit („Perfektionierung“) derart geschaffener, städtischer Spielplätze und -räume.

Kurt Kuball © Kurt Kuball

Der Grünzug Familienplatz Wattgasse

Kinderfreundlich und bespielbar

Natürlich kann und soll auf Spielplätze gerade in der Großstadt nicht verzichtet werden. Doch für die kinderfreundliche Stadt braucht es mehr: Wo trifft man sich, wo ist genügend Raum zum kreativen Spielen und wie einfach und rasch können diese Spielorte ohne Erwachsene zu Fuß erreicht werden? Wie sieht es mit der Verkehrssicherheit im Spielraum aus, gibt es Möglichkeiten zur Naturerfahrung und schließlich: Wo können sich die Kinder zurückziehen, allein und unbeobachtet sein? Diese Faktoren müssen in die städtebauliche Planung miteinbezogen werden und idealerweise in ein kreatives Wohnumfeld münden, in dem es öffentliche Räume zum Entdecken und Verändern gibt. Auch hausnahe Bewegungsräume inklusive Gehsteigen und Straßen, die gefahrlos bespielt werden können, sowie ungenormte, nach allen Seiten offene Spiel- und Sportplätze, die für jeden, übrigens auch für Erwachsene, nutzbar sind, gehören hierzu.

Alice Größinger, Gründerin von Idealice, einem Wiener Landschaftsarchitekurbüro mit Schwerpunkt Schul- und Wohnbau, hat täglich mit der spielfreundlichen Gestaltung von Freiflächen zu tun. „Mein Zugang zum Spiel gilt natürlich besonders Kindern und Jugendlichen, aber auch für Erwachsene ist es wichtig, immer wieder im Freiraum etwas Neues entdecken zu können. Dadurch werden das gemeinsame, altersübergreifende Spiel sowie die Imagination, die für alle Altersgruppen wichtig ist, gefördert. Wir versuchen mit unseren Gestaltungen Wunderwelten zu kreieren, die überraschen, Unmögliches möglich machen, multifunktional sind und dauerhaft im Jahreszeitenwandel Freude bereiten.“
Erreichbar ist dieses Ideal auch für sie nur durch eine klare städteplanerische Konzeption und das Zusammenspiel von Politikern, Architekten, Landschaftsarchitekten, Bewohnern jeder Altersgruppe. Aber auch Pädagogen, Hochschulen sowie Institutionen und Organisationen aus Sport und Kinderbetreuung sind für Größinger nicht wegzudenken – von der Planung über die Realisierung bis zum Betrieb.

Deshalb ist ein übergeordnetes Leitbild für die Landschaftsarchitektin auch so wichtig: „Egal ob Wohnbau, Städtebau, Parkplanungen, öffentliche Plätze, Ortszentren: Wir arbeiten fast immer mit Architekten zusammen, teilweise auch mit Stadt- oder Raumplanern und natürlich mit den Auftraggebern. Mir sind kooperative Beteiligungsprozesse am liebsten, wo alle Stakeholder an einer Gesamtentwicklung arbeiten. Spielbereiche sind da immer ein Thema.“ Aus ihrer beruflichen Erfahrung heraus befürwortet Größinger daher auch die Entwicklung eines Leitbildes, das bisherige Planungen zusammenfasst und übergeordnet wirksam sein muss. Auch eine planerische Abstimmung mit den Nachbargemeinden gehört für sie dazu. Die Gestaltung öffentlichen Raums müsse als soziokulturelle Maßnahme – interaktiv, generationenübergreifend, integrativ und umweltbewusst – wahrgenommen werden, so die Landschaftsarchitektin.

Politik hat den Auftrag erkannt – zumindest teilweise

Die Bestrebung nach kinderfreundlicher Gestaltung öffentlicher Räume ist ein gesellschaftlicher Wunsch, der seinen Weg in die Politik gefunden hat, erläutert Größinger auf die Frage, ob der Auftrag zu kinderfreundlicher Gestaltung öffentlicher Räume eine Rolle bei der Ausschreibung spiele. „Bei Wohnbauten sind die Vorgaben der Wiener Bauordnung beziehungsweise der Kinderspielplatzverordnung zu beachten. Besonders bei größeren Stadtentwicklungsgebieten wurden vor allem in Wien Kinder- und Jugendspielplätze von verschiedenen Bauplätzen zusammengefasst. Es entstanden wunderschöne, zeitgemäße, große Spielplätze, wie bei ‚In der Wiesen‘ in Wien Süd, um nur ein Beispiel zu nennen.“

Doch nicht nur in Ausschreibungen durch Stadt und Gemeinden wird der Auftrag zur kinderfreundlichen Gestaltung erteilt, auch die Forschung beschäftigt sich mit dem Thema. Die MA 19 etwa lässt derzeit eine „Spielfibel“ erstellen, die Spielgeräte und Spielsituationen im Hinblick auf verschiedene Parameter bewertet, inklusive Angabe des Ortes, an dem sie eingesetzt werden können.

corno.fulgur75/Flickr © corno.fulgur75/Flickr

Der Kopenhagener Stadtpark Superkilen erstreckt sich auf über einen Kilometer und ist in drei Bereiche geteilt. Der „grüne Park“ ist besonders bei Kindern und Familien beliebt. 

Aus kinderfreundlich wird familienfreundlich

Neben den Spielbereichen gibt es noch weitere Faktoren, die eine Stadt für Familien und deren Kinder lebenswert machen. Einen guten Einblick schafft eine Umfrage von meinestadt.de. Insgesamt 2.500 Deutsche – davon knapp 1.800 Eltern und etwa 700 Kinderlose – wurden nach den wichtigsten Elementen für eine kinderfreundliche Stadt befragt. Ganz oben auf der Prioritätenliste: Ein gutes Schulangebot (bei über 90 Prozent der Eltern und der Kinderlosen) sowie ein breit gefächertes Angebot an Kindertagesstätten und Kindergärten (bei über 80 Prozent der Befragten). Weitere Kriterien, die genannt wurden: Kinder können sich gefahrlos in der Stadt bewegen; genügend Spielplätze und freie Spielflächen; familienfreundliches Wohnmilieu; Kinder dürfen auch mal Lärm machen (interessantes Detail am Rande: Für über 73 Prozent der Eltern war dieser Punkt natürlich wichtig, doch auch knapp 40 Prozent der Kinderlosen sahen darin ein Kriterium der kinderfreundlichen Stadt.) gutes Kultur- und Freizeitangebot speziell für Kinder (etwa 60 Prozent) und – etwas abgeschlagen mit nicht mehr als 35 Prozent – eine gute Vereinsarbeit.

Alice Größinger legt noch einen anderen Fokus: „Was es braucht für die kinderfreundliche Stadt, sind neue öffentliche Räume mit multifunktionalen Elementen, die gut fürs Klima sind und zusätzlich Spielmöglichkeiten bieten, wie etwa Wasserdüsen im Boden. Dazu multifunktionale Möblierung, zum Beispiel Sitz-/Liegemöbel und Spielgeräte in einem. Kreative Ideen zur Nutzung, mehr Bäume als Schattenspender, mehr autofreie Straßen, in denen auch einfach mal ‚Zweifelder-Ball‘ gespielt werden kann. Ich träume immer noch von Bauspielplätzen inmitten der Stadt, zum Beispiel auf ungenutzten Rasenflächen wie am Schmerlingplatz (im 1. Bezirk in Wien, Anm. d. Red). Dass Kinder in der Stadt etwas verändern oder bauen dürfen, gibt es in Wien so gut wie gar nicht. In den Niederlanden fand sich schon in den 2000er-Jahren in jedem größeren Park ein Bauspielplatz und ein Streichelzoo. Großartig, den Kindern so Leben und Natur näherzubringen! Tote Ecken, die durch die Architektur entstehen, müssen hingegen aufgewertet beziehungsweise intelligent mitgeplant werden!“

Kopenhagen, Oslo, Zürich: Wien nicht unter Top 10

Was sind derzeit die familienfreundlichsten Städte der Welt? Der Familienindex International 2017 hat ermittelt, wo junge Familien am liebsten leben. Auf Platz eins landete das sichere, kinderfreundliche Kopenhagen. Platz zwei schaffte die norwegische Hauptstadt Oslo und der letzte Stockerlplatz wurde von Zürich, belegt. In den Top 10 außerdem: Stockholm, Hamburg , Vancouver, Basel, Toronto sowie Stuttgart und München. Wien landete bei den Eltern auf Platz zwölf der Beliebtheitsskala – noch vor Sydney (Platz 13), Paris (Platz 44) oder San Francisco (Rang 46). Ganz hinten rangieren Städte wie Johannesburg und Jakarta. Manila ist in diesem Ranking das Schlusslicht.


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Datum: 30.07.2018

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