Wunder in den Wellen

Tafeln auf Tauchstation: An Norwegens Südküste entsteht das weltgrößte Unterwasserrestaurant – zurzeit noch in Phase eins auf dem Trockendock. Nahe am – und im – Wasser wird aktuell nach den Plänen des norwegisch-amerikanischen Architekturflagg-schiffes Snøhetta gebaut.

Das Meer lässt sie nicht los.
Weder beim Mammon – Snøhetta zeichnete für das neue Geldscheindesign der Norwegenkrone mitverantwortlich, wobei man die zerklüftete und zernagte nordische Küstenlandschaft samt Wind, Wellen und Wetter in Pixel aufgelöst und damit laut Kreativschmiede in eine „Bildsprache unserer Zeit“ übersetzt hat – noch bei der maritimen Architektur.

Nun also ein Seerohr ins Skagerrak: Nach der Osloer Oper, die an den Gestaden des Fjordes an einen gestrandeten Eisberg erinnert, dem in Planung stehenden Powerhouse-Hotel „Svart“ zwischen Gletscher und Nordmeer am Polarkreis und dem Coup am Banknotensektor wird jetzt ihr „Wunder“ für die Auftraggeber Gaute und Stig Ubostad, fest verankert am Küstenabbruch, teilweise ins Norwegische Meer gesetzt.

MIR/Snøhetta © MIR/Snøhetta

Das an ein überdimensionales, rechteckiges Periskop erinnernde Bauwerk in der Brandung soll auch Meeresforschern neue, bis dato unmögliche Ein- und Tiefblicke in die lokale Unterwasserfauna und -flora ermöglichen und helfen, deren wissenschaftlichen Hunger (und nicht nur diesen) zu stillen. Bequem und trocken, ganz ohne Tauchgang. Via Panoramafenster in Supersize. In diesem Sinne: Skål und Måltid!

Maritimer Monolith ...

Seit 15. Jänner wird nun nahe am Standort an der Felsküste in der Region Lindesnes betoniert. An Land. Laut Plan soll noch im Sommer 2018 der stromlinienförmige, dem Element Wasser den geringstmöglichen Widerstand liefernde Restaurantkörper mit seiner robusten Hülle zu Wasser gelassen und über Stahlprofile mit dem felsigen Untergrund verbunden werden, um später zur Hälfte in die vor allem im Winter nicht immer wirtliche Wasserwelt zu ragen. Und das mit und nicht gegen die Urgewalten: als beinahe natürlicher Bestandteil der Südkap-Küstenlinie, der kaum das Zeug zum Wellenbrecher hat, sich aber als Siedlungsraum für Muschelpopulationen anbietet, wie die Planer versichern. Raue, harte Schale – weicher Kern: Was die Muschel vorlebt, soll mithin auch „Under“ definieren.

Aina Reginas © Aina Reginas

... soll 1.000-Jahre-Welle schlucken

Die 26,5 mal 12,5 Meter große Konstruktion aus einem 50 Zentimeter dicken, verstärkten Betongemisch wird im Endausbau knapp 2.000 Tonnen schwer sein, wie der verantwortliche Projektmanager Arne Martinsen ausführt. Um den jahreszeitlichen Temperaturwechsel am und unter dem Meeresspiegel, dem herrschenden Wasserdruck der See in fünfeinhalb Metern Tiefe sowie ihren anstürmenden Kräften standzuhalten, sei seitens der Konstrukteure lange an möglichen Materialkomponenten und den Verankerungsmodi des 600 Quadratmeter Grundfläche einschließenden Monolithen getüftelt worden.

Auch die Aussicht kann ungefährlich genossen werden – ohne dass einem der Appetit vergeht: Wer glaubt, dass die gerade beobachteten Fischschwärme plötzlich quicklebendig durchs Riesenauge geschwommen kommen und der gebraten oder gedünstet am Teller liegenden Fisch wieder in sein natürliches Element gerissen werden könnte – und man selbst gleich mit –, kann beruhigt sein und gedanklich schon jetzt entspannt zu Messer und Gabel greifen.

In Zusammenarbeit mit vielen wissenschaftlichen Gremien, Meer- und Wetterstationen habe man alle verfügbaren Daten und Szenarien gewissenhaft geprüft, so der Experte. Resultat: Das Panoramafenster am Meeresgrund, elf Meter lang und dreieinhalb Meter hoch, wird den Beobachter durch ganze 32 Zentimeter Acrylglas vom kühlen Nass trennen. Genug, um einer 1000-Jahre-Welle standzuhalten, wie der Norweger recht bildhaft ausführt.

Als eine der größten Herausforderungen nennt er aber die kommende Seesetzung. „Wir haben genaue Berechnungen über das Wo und Wie. Aber eigentlich werden wir erst zum Zeitpunkt der Absenkung genau wissen, ob alles funktioniert.“ Erleichtert dürfte er folglich erst dann sein, wenn „Under“ fix platziert sein wird.

Nachhaltiges Innenleben

Alsdann will man auch mit dem Innenausbau loslegen; vom Geist her typisch nordisch und damit extrem nachhaltig, was sowohl die Wasserversorgung und -entsorgung als auch die Raumbe- und -entlüftungskomponenten mit einschließt. Um „Under“ zu heizen und zu kühlen, wird auf eine Pumptechnologie zurückgegriffen, die die ganzjährig stabile Meeresbodentemperatur nutzt. Im Inneren hat sich „Under“-Miteigentümer Gaute Ubostad unter anderem für kontrastierende, dunkle Eiche entschieden. Das Design soll die Gäste in ein heimelig-warmes Ambiente packen und für ein dementsprechendes Raumklima sorgen.

MIR/Snøhetta © MIR/Snøhetta

Das Restaurant als Seerohr: Geboten werden prickelnde Einblicke in die Welt unter Wasser. Gleichzeit darf ab 2019 Champagner geschlürft und exquisit geschmaust werden.

Das halb im Wasser hängende „Under“ wird sich nach der Eröffnung – angepeilt wird ein Termin schon im Jahr 2019 – auf drei Etagen präsentieren: Noch über der Wasserlinie entsteht der Eingangsbereich in Form einer Landungsbrücke. Wer dort eingecheckt und an der Garderobe abgelegt hat, kann in die Champagner-Bar abtauchen, bevor es noch tiefer, und damit ins eigentliche 265 Quadratmeter große Restaurant in der See, geht. In Summe sollen rund 80 bis 100 Gäste gleichzeitig Platz finden.

Saisonales am Teller

Am Herd wird Nicolai Ellitsgaard Pedersen das Sagen haben. Der Küchenchef, der aktuell noch in der Sørland-Hauptstadt Kristiansand im „Måltid“ den Löffel schwingt und dort saisonale und regionale Küche neu interpretiert, will maritime Nachhaltigkeit und montane Leichtigkeit auf die Karte bringen. Saisonaler Fisch und Meeresfrüchte aus der See, frisch gefangen vorm Fenster, sollen ebenso angeboten werden wie Wild aus den südnorwegischen Wäldern, fein abgeschmeckt mit Gewürzen, Beeren und Kräutern aus der wildherben Landschaft.

Pedersen nimmt sich dazu die wechselnden Jahreszeiten Südnorwegens zum Vorbild. Gekocht und serviert wird, was zu Wasser und zu Lande gerade angesagt ist. „Mein Team und ich werden eng mit lokalen Fischern, Bauern, Jägern und Sammlern zusammenarbeiten. Die frischen Zutaten repräsentieren die jeweilige Landschaft. Wir wollen den frischen Geschmack Südnorwegens neu zusammenstellen und für den Gaumen verfeinern.“

Stian Broch © Stian Broch

Für Kulinariktouristen …

Mit der Eröffnung des avantgardistischen Tempels der Nordic Cuisine im Jahr 2019 will man nicht nur reisebereite Gourmets in den Süden des Nordens locken. Neben den Touristikern der Region hofft auch Gaute Ubostad auf starken Besucherzulauf und spricht in diesem Zusammenhang bereits von „einem neuen Zeitalter in der Reisebranche“.

MIR/Snøhetta © MIR/Snøhetta

… und Forscher

Im Gegensatz zu ähnlichen, wenn auch deutlich kleiner ausgefallenen Restaurantprojekten im Pazifik, aber auch im Indischen Ozean sind im „Under“ auch Wissenschaftler auf der Gästeliste. Abseits des Restaurantbetriebes wird das „Under“ als praktische Klimabasis fungieren. Dort im Skagerrak können die Auswirkungen der Erderwärmung auf die lokale Umgebung – vor allem unter der Wasserkante – dann vom Schaufenster aus erste Reihe fußfrei betrachtet und dokumentiert werden.


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Datum: 23.07.2018

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