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„Zu perfekt ist doch langweilig“

Bei KARE inszeniert er Wohntheater, mit uns hat er sich über aktuelle Designtrends, Evergreens und die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Interieur unterhalten. Was für den Wohnexperten Andy Pietrasch essenziell ist in Räumen, und was er am liebsten nie gesehen hätte.

4W: Sprechen wir über Einrichtung. Beeinflusst das Leben des Menschen seine Einrichtung? Setzt der Exzentriker auf Ausgefallenes und der Traditionalist auf Eiche massiv?

Andy Pietrasch: Die Einrichtung ist ein Ausdruck der Persönlichkeit. Ähnlich wie der Kleidungsstil erzählt auch das Interieur etwas über den jeweiligen Menschen. Kreative werden auch oft einen kreativeren Einrichtungsstil haben und mutiger in Stil- und Farbkombinationen sein. Als „Kreativer“ lässt man sich nicht leicht in Diktate drängen, das gilt wohl auch für die Gestaltung der vier Wände. Der persönliche Stil, unabhängig von aktuellen Strömungen, wiegt da schwerer. Aber: Ein individueller Lebensstil verlangt nicht zwingend einen eigenen Einrichtungsstil, vielmehr entwickelt sich dieser daraus. So wie sich Geschmack entwickelt, entwickelt sich auch der Einrichtungsstil und passt sich der jeweiligen Lebenssituation an.

4W: Die Einrichtung kann also die Persönlichkeit eines Menschen widerspiegeln. Wie sieht es aber umgekehrt aus? Lassen sich allein aufgrund des Stils einer Wohnung Rückschlüsse auf den Charakter des Bewohners ziehen?

Andy Pietrasch: Ich würde nicht so weit gehen, dass sich ganze Charaktere an einer Wohnungseinrichtung ablesen lassen, aber Wesenszüge lassen sich durchaus erkennen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine museal eingerichtete Wohnung wird eher einen ordnungsliebenden Menschen widerspiegeln als einen auffallend kreativen Chaoten. Emotionale Menschen achten sicher vermehrt auf liebevolle Details, wie Familienbilder und persönliche Erinnerungsstücke in Ihrer Wohnung. Wer sich für einen modernen, skandinavischen Stil entscheidet, wird auch sonst ein recht klares, organisiertes Wesen haben und ich denke, dass ein sehr individueller Einrichtungsstil sicher eine individuelle Persönlichkeit widerspiegelt, die höchstwahrscheinlich mutiger in Entscheidungen ist und unabhängiger von anderen Meinungen.

Einrichtung, Wesen und Charakter spielen hier gewiss zusammen. Aber über all der Theorie darf man auch nicht vergessen, dass Einrichtung nie ganz unabhängig von den finanziellen Mitteln und den aktuellen Lebensumständen zu interpretieren ist.

4W: Kann man sich eigentlich auch falsch einrichten?

AP: Also falsch einrichten kann man sich nur für andere! Solange es einem selbst gefällt, ist es auch richtig. So einfach ist das. Die Wohnung ist der Rückzugsort für das Individuum und soll das Wohlbefinden des Bewohners unterstützen. Wenn sich also beim Aufenthalt in den eigenen vier Wänden ein gutes Gefühl einstellt, dann ist es richtig. Natürlich gibt es aber gewisse Regeln, Proportionen, Farben und Materialien, die das positive Raumgefühl ganz allgemein unterstützen und fördern. Dies gilt aber immer nur objektiv und nicht subjektiv.

4W: Farben haben einen großen Impact auf unsere Emotion und beeinflussen Raum- und Wohlgefühl. Welche Farbkombinationen sind optische Selbstläufer?

AP: Wir kennen alle die Wirkung der Farben. Rot macht lebendig, Grün beruhigt, Blau vermittelt Reinheit und Kühle, usw. Bei der Einrichtung ist es wichtig, die Farbwirkung in Abhängigkeit zu der Nutzung und Größe des Raumes einzusetzen. Mit dunklen, warmen Farben können Sie auch in großen Räumen Geborgenheit und Gemütlichkeit schaffen, da diese den Raum optisch kleiner machen. Helle, kühle Farben geben dem Raum mehr Größe und Weite und eigenen sich daher besonders gut, um kleine Räume optisch weiter erscheinen zu lassen.

Meine persönliche Empfehlung für kleine Räume: Aqua-Pastelltöne, Mint/Pastellblau in Kombination mit Weiß und Naturholz. Gewagte Kombinationen, wie Blau/Orange, also Komplementärfarben, sind richtig eingesetzt auch machbar, erfordern aber viel Fingerspitzengefühl. Wenn das richtig gemacht wird, erstrahlt ein Raum jedoch in uneingeschränkter Individualität.

4W: Und welche Farben harmonieren so gar nicht miteinander?

AP: Wie schon gesagt, es kommt sehr oft aufs Fingerspitzengefühl an. Ich kann bei keiner Farbkombi sagen, das geht überhaupt gar nicht. Wir kombinieren heute ja auch Rot mit Pink, weil wir uns daran gewöhnt haben. Das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen! Oder nehmen Sie Schwarz und Blau – gerade in der Mode war das jahrzehntelang ein absolutes No-Go, heute ist die Kombination in Mode wie Interieur akzeptiert und gängig.

4W: Wie sieht es mit dem Zusammenspiel aus Farbe und Material aus? Gibt es Farben, die bestimmte Materialien entwerten oder entfremden? Weil sie etwa unnatürlich wirken? Mir fällt da zum Beispiel weißes Leder ein.

AP: Ich denke, Farbe und Material ergänzen sich immer. Natürlich wirken Naturstoffe in Naturfarben gut. Roter und blauer Samt ist auch stimmig für unser Empfinden. Ich würde deshalb aber nicht von einer bestimmten Farbe für ein bestimmtes Material abraten. Wir (bei KARE Design Anm.) haben z. B. Lederteppiche in Silber oder auch Gold im Angebot, genauso wie Samt in Pastelltönen. Unerwartete Farb- und Materialkombinationen vermitteln eben oft einen ganz besonderen Eindruck, der sich vom Gewohnten abhebt. Dadurch entsteht doch erst die gewünschte Individualität.

4W: Gibt es „die goldene Regel“ für gutes Einrichten? Eine immer gültige Formel quasi, die aus jedem Menschen ein Interior-Genie macht?

AP (schmunzelt): Es gibt grundsätzlich Faktoren, die einen Raum wohnlich machen. Hier geht es um Sichtachsen, Farbkombinationen, Materialmix und Proportionen. Goldene Regeln würde ich diese aber nicht nennen. Jede Wohnung ist so individuell wie ihre Bewohner, und die eigentliche Regel ist, dass die Einrichtung dem Bewohner Freude bereiten soll. Wenn dies der Fall ist, ist die Wohnung gut eingerichtet.

4W: Akzente setzen heißt eine große Wirkung durch kleinen Aufwand zu erreichen. Wie wichtig sind Farbtupfer, Leuchten und ausgefallene Key-Pieces?

AP: Mit einer auffällig gestrichenen Wand oder speziellen Möbeln umgeht man die Langeweile im Gesamtbild. Wer auf ein Key-Piece setzt, muss ihm aber auch den Raum geben, den es benötigt, um wirklich zu wirken. Dann kann das Auge dort hängen bleiben, findet Ruhe und der Eindruck des Möbels verstärkt sich. Durch die richtige Beleuchtung kann das Stück dann noch zusätzlich akzentuiert werden.

Das ganze interview gibt es hier

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Datum: 01.07.2021

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