Wohnen in Budapest könnte wieder in werden

Lange Zeit galt es für junge Familien als selbstverständlich, aus Budapest weg ziehen zu wollen. Billiger Wohnraum in der Umgebung förderten dieses Bestreben – nun scheint sich der Trend vielleicht langsam umzukehren: Budapest wird wieder schick

Budapest schrumpfte – seit Ende der achtziger Jahre, als die ungarische Hauptstadt bevölkerungsmäßig ihren Höchststand, eine Bevölkerung von mehr als zwei Millionen Menschen erreichte, waren die Einwohnerzahlen der ungarischen Hauptstadt rückläufig: In den neunziger Jahren packten junge Familien ihre Koffer und zogen „aufs Land“, in die nähere Umgebung Budapests, wo sie sich – bei steigenden Immobilienpreisen in Budapest – ihren Traum vom eigenen Haus noch immer verwirklichen konnten.

Budapest mag mit zwölf Prozent Bevölkerungsschwund in den neunziger Jahren einen dramatischen Einbruch in den Bevölkerungszahlen erlebt haben, der Großraum selbst aber boomte: Mehr als ein Drittel der ungarischen Bevölkerung lebt inzwischen in der hauptstädtischen Agglomeration.

Leben in Abgeschiedenheit

Die umliegenden Dörfer und Gemeinden veränderten durch diesen rasanten Zuzug ihr Gesicht radikal: Ganze neue Gemeindeteile, Siedlungen, Wohnparks, ja „gated communites“, abgeschlossene, gesicherte Eigenheimeinheiten, schossen in den einst ländlichen Ortschaften förmlich über Nacht aus den Boden. Um das Jahr 2000 war es einfach schick in Telki, Biatorbágy, Szentendre oder God, im Norden oder Westen der Stadt zu wohnen – aber auch im Osten oder Süden galten etwa der „Sisi“-Ort Gödöllo oder Ráckeve um ein kleines Schloss des Prinzen Eugen nicht gerade als unfein.

Das einst verschlafene Budaörs an der Westeinfahrt Budapests wurde in diesen Jahren zur Boomstadt Ungarns schlechthin: Wegen seiner Steuereinnahmen aus Logistik-, Geschäfts- und Bevölkerungsansiedlungen von Budapest nicht nur beneidet, sondern wo nur möglich auch geschnitten. Einen U-Bahnanschluss an das hauptstädtische öffentliche Verkehrsnetz wird die Stadt wohl einige Zeit nicht bekommen. Vorerst kümmert das Budaörs nur wenig – es kann sich immerhin – im Gegensatz zu den Budapester Stadtbezirken – leisten, ein architektonisch raffiniertes neues Rathaus gestalten zu lassen.

Boomtown mit Nachteilen

Aber für die in den 1990er-Jahren noch billigen Boden- und Immobilienpreise, für den Traum vom Leben auf dem Land, war man damals auch gewillt einiges in Kauf zu nehmen: verstopfte Straßen am Weg zur Arbeit, ein fehlendes regionales Schnellbahnnetz, fast keine Kanalisation, keine Nahversorgung. eine mangelnde Gesundheitsinfrastruktur, fehlende Unterhaltungsmöglichkeiten am Abend: Die Vorstädte blieben riesige Schlafstädte.

Erst als die Kinder dieser Familien langsam heranwuchsen traten auch andere Mankos zu Tage. Die ohnehin schon marode Infrastruktur der Boomzone konnte auch mit den Bedürfnissen der Heranwachsenden nicht mehr Schritt halten: Es gab keine adäquaten Schulen, keine Freizeitmöglichkeiten, kein Kinoangebot, keinen Hype für die Jugendlichen. Ohne Schnellbahnanschluss mussten die Eltern ihre Kinder mühselig tagtäglich auf überlasteten Straßen hin und her kutschieren.

Und noch etwas war passiert: Die Agglomeration war langsam teuer geworden – Wohnbauprojekte in Budaörs, Diósd oder Budakeszi sind inzwischen genauso kostspielig oder sogar teurer geworden als qualitativ vergleichbare in Budapest, wo als Antwort auf den Abwanderungstrend in den noch unterentwickelten Grünzonen der Stadt neue Projekte hochgezogen worden waren und die Annehmlichkeiten städtischen Wohnens mit einer natürlichen Umgebung verbunden werden konnten.

Der staatlich geförderte Wohnbauboom der 1990er-Jahre hatte begonnen, auch die einst tristen Rand- und Industriebezirke zu verändern: Angyalföld, ein berüchtigt schlechte Ecke der Stadt, verlor langsam diesen Ruch, war in den Zonen um dem Béke-Platz zu einem aufstrebenden modernen „residential district“ geworden, einige altehrwürdige Innenstadtbezirke, zum Beispiel die Franzenstadt, waren kühnen Regenerationsvorhaben unterzogen worden und wieder durchaus attraktiv geworden.

Liebe mit Hindernissen

Die Stadt jubelte, weil sie schon die große Rückkehrwelle kommen sah. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt: Denn aus jüngst veröffentlichten Daten lässt sich noch immer kein eindeutiger Trend ablesen. Und damit zeigen sowohl die Stadt als auch das Umland noch ein beträchtliches Immobilienentwicklungspotenzial.

Mag laut diesen Zahlen der Speckgürtel um Budapest in seiner Gesamtheit an Attraktivität verloren haben, in den wirklich attraktiven westlichen und nördlichen Vororten ist die Bevölkerung 2006 noch immerhin um fünf Prozent gewachsen (aber natürlich weit geringer als in den Boomjahren zuvor als man hier eine Wachstumsrate von mehr als elf Prozent erreichte) – aber auch Budapest konnte im gleichen Jahr bereits zum ersten Mal wieder seine Bevölkerung halten, ja ein Jahr darauf schon wieder ein leichtes Wachstum verzeichnen.

Von einer drastischen Rückwanderungsbewegung kann also noch lange nicht gesprochen werden, vielmehr davon, dass Budapest seine Anziehungskraft – sicherlich auch wegen der vielen neuen Investitionen im Wohnbaubereich und der Rehabilitierung der Altstadt – vorerst einmal verstärken konnte. Ob dem angesichts sinkender öffentlicher Ausgaben in die Infrastruktur der Stadt auch so bleiben wird, bleibt offen.

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Autor:

Datum: 03.12.2008

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