"Meine Botschaft: Gesundes Bauen muss nicht teuer sein"

Gewohnt und gearbeitet wird heute in möglichst nachhaltigen, energieeffizienten und leistbaren vier Wänden. Die Bauwirtschaft liefert hier sehr vorzeigbare Resultate, sagt Consulter Christian Vondrus. Worauf dabei leider oft vergessen wird, ist der Faktor Mensch.

Warum gesundheitsfördernde Maßnahmen von der Bauwirtschaft bis dato fast immer ausgeklammert werden, welche Innovatoren das Thema dennoch vorantreiben. Und worüber Bauherren, Entwickler und die Gesellschaft als Ganzes achten sollten: wohnnet Business geht mit Christian Vondrus (im Bild) auf Spurensuche.

wohnnet Business: Mit dem Begriff „Gesundes Bauen“ verhält es sich wie mit dem Schlagwort des „Leistbaren Wohnens“: Jeder versteht was anderes darunter. Was ist gesund Herr Vondrus?

Christian Vondrus, CV-Consulting e. U.: Es gibt verschiedene Auslegungen von Gesundheit, die WHO bringt es auf den Punkt: Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und damit nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Der Lebensraum hat dabei einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden. Jeder profitiert von einer Umgebung, in der er sich physisch erholen kann – sprich, die einem nicht kränker macht, als man vielleicht schon ist.

Was bedeutet dies nun umgelegt auf den Bausektor?
Wir alle verbringen immer mehr Zeit in Innenräumen, zuhause wie am Arbeitsplatz. Der Faktor Gesundheit muss daher meiner Meinung nach beim Bauen stärker zur Geltung kommen – auch beim leistbaren Bauen. Statische Anforderungen und Brandschutzvorschriften sorgen dafür, dass ein Haus standsicher und brandbeständig ist. Dem gesunden Lebensumfeld müsste auf gesetzlicher Ebene derselbe Stellenwert eingeräumt werden. Um es in einem Satz zu formulieren: Wir müssen uns auf den Wunsch nach gesunden Räumen konzentrieren. Bauphysik und Baubiologie sollten nicht nur „Kür“ sondern zum „Pflichtprogramm“ im Bauen werden.

Sind gesundes und ökologisches Bauen zwei Seiten derselben Medaille? Oder würden Sie von unterschiedlichen Denk- und Bauschulen sprechen?
Das eine bedingt das andere: Beim ökologischen Bauen war historisch betrachtet die Baubiologie immer dabei. Später wurde daraus das nachhaltige Bauen, wobei man sich auf Energieeffizienz, Ressourcenschonung und Co2-Reduktion konzentriert hat. Weggefallen ist die Biologie – und damit in weiterer Folge der humane Anspruch an das Wohnen. Dabei müsste eigentlich der Nutzer im Zentrum des Bauens stehen. Wir bauen ja nicht nur um Energie zu sparen, wir bauen für den Menschen.

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Hier wird wohl keiner wiedersprechen…
Das nicht. Aber nur ausgewählte Experten, seien es Bauphysiker, Baubiologen oder manche Architekten und Bauträger, legen darauf auch gezielt ihren Schwerpunkt. Die meisten Bauherren und Bauprofis gehen davon aus, dass die vielen Bauvorschriften ohnehin ein gesundes Wohnen sicherstellten. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass wir alle viel gesünder als noch vor hundert Jahren leben. Große Problemfaktoren von früher – also Rauchgase, Schmutz und Schimmel – sind nicht mehr lebensbedrohlich. Doch Qualitätsanforderungen unserer Zeit, wie die Vermeidung von schlechter oder zu trockener aber auch zu feuchter Raumluft werden mit dem Verweis auf einen dadurch möglichen Mehraufwand reflexhaft zurückgewiesen. Die anfallenden Folgekosten durch Leistungsverlust und im Gesundheitswesen tragen wir aber alle. Handlungsbedarf besteht speziell bei sommerlicher Überhitzung, zu geringer Luftfeuchtigkeit im Winter, Luftschadstoffen und Stäuben, Schall und Akustik. In den letztgenannten Bereichen gibt es zwar Regeln, sie werden aber leider nicht immer umgesetzt.

Welche Mitstreiter nehmen nun ihren Ball auf? Wer innoviert, wer informiert?
Neben Bauphysikern und Biologen ist die Bauzulieferindustrie am aktivsten. Diese will mit besseren Produkten punkten. Darunter fallen auch Unternehmen, die sich durch ihre Forschungstätigkeit vom Mitbewerb unterscheiden; wie beispielsweise Baumit mit dem Viva Forschungspark. Produktinnovationen müssen im Zuge der Ausschreibungen vom Auftraggeber oder Planer und letztendlich den ausführenden Firmen verstanden und eingesetzt werden.

Was läuft falsch?
Planung und Bauablauf haben sehr komplexe Abläufe, wobei viele Teilziele realisiert werden müssen. Der Projekterfolg definiert sich in der Regel über das Kosten- und Terminziel zur Erfüllung der ausgeschriebenen Qualität. Kundennutzen wie Behaglichkeit oder Gesundheit müssten aber viel früher definiert werden. Das Wissen um neue Qualitäten dringt nur langsam in Richtung Endkunden durch. Diese Tatsache macht die Baubranche scheinbar so wenig innovativ.

Keiner, der hier gegensteuern will?
Doch. Unter anderem Baubiologen und Ökologen, die aus Überzeugung handeln. Und es gibt auch Architekten, Bauträger und Baumeister, die sich dem Thema Gesundes Bauen verschrieben haben.

Klingt nach sehr viel Aufklärungsarbeit ...
Ja, wenn man es aber klar anspricht, ist jeder dabei: Gesundheit, Behaglichkeit und Sicherheit sind für Nutzer und Bauherren mindestens so wichtig wie Tragfähigkeit, Funktionalität und Energieeinsparungen. Jedoch werden die Expertisen von Bauphysikern und Biologen geringer Wert geschätzt als jene von Energieberatern oder anderen Dienstleistern am Bau.

 

Sind Zertifikate hilfreich?
Das Angebot an Projekt- und Produktzertifikaten ist da, aber deren Wertigkeit wird wenig kommuniziert und ist damit auch unbekannt. Das Österreichische Umweltzeichen, der Blaue Engel in Deutschland gehen in die richtige Richtung. Noch besser gefällt mir das Gütesiegel natureplus, das stark auch auf den Gesundheitsaspekt abzielt. Die klimaaktiv-Initiative des Bundes vergibt neben den 500 Punkten für Energieeffizientes Bauen und Co2-Einsparungen auch 175 Punkte für Komfort und Raumluftqualität.

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Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper: Vor allem in den Schulen sollte laut Christian Vondrus ein gesundes Raumklima gewährleistet sein.

Gibt es Bereiche, bei denen die gesunde Handschrift wichtiger ist als bei anderen?
Definitiv. Vor allem in Kindergärten- und Schulen, in die tagtäglich Hunderttausende strömen. Erstens hält sich diese Generation im Vergleich zu früheren häufiger in Innenräumen auf – das wird bei der Ganztagsschule nicht besser! Zweitens leiden die Jungen viel stärker und länger unter schlechter Luft, Schadstoffbelastungen und vor allem Hitze. Was in den Schulen besonders zum Tragen kommt: Schlechte Lüftung, oder gar keine, und der hohe Wärmeeintrag bei großen Fensterflächen ohne Beschattungsmöglichkeiten. Strahlungstemperaturen auf der Klassenbank jenseits der 40 Grad sind im Nahebereich der modernen Glasfassaden keine Seltenheit. Es braucht daher sinnvolle Belüftungskonzepte und eine ordentliche Beschattung. Bei gut gedämmten Gebäuden ist die Heizung durch den Wärmeeintrag der vielen Personen sekundär und könnte durch möglichst billige und effiziente Systeme bewerkstelligt werden. Das ist leistbar und nachhaltig!

Das wird Geld Kosten…
Nicht unbedingt. Keiner, dem die Kinder nicht egal sind, wird hier den Sparstift zücken. Es muss nur innovativen Maßnahmen, die nicht durch Normen im Vorhinein verhindert werden, eine Chance gegeben werden. Dann erst können mögliche Mehr- und Minderkosten hochgerechnet werden. Die teuerste Lösung ist nichts zu tun und steigende Kosten für Behandlung und Leistungsverlust hinzunehmen. Aber es gibt da auch schon gute Beispiele in Schulen.

Und was passiert außerhalb der Bildungseinrichtungen?
Egal ob Einfamilienhaus oder Mehrfamilienhaus: Ein gesundes Raumklima ist immer ein Thema. Dabei könnte der Bau- und Immobiliensektor das gesunde Bauen stark über den Begriff der Behaglichkeit spielen: Ein Begriff, mit dem sich heute jeder wohl fühlt.

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Die Behaglichkeit als Türöffner – hin zum gesunden Bauen und Wohnen?
Ja das betrifft den Einsatz und die Vorstellung verschiedenster Baumaterialien, wie den Klimaputz von Baumit, der mindestens so viel Feuchtigkeit speichert und wieder abgibt wie ein Lehmputz und funktionale Wandfarben wie Ionit. Oder im Holzbau die natureplus geprüfte FunderPlan-Platte. Bei der Vermeidung von Trittschall Übertragung leistet beispielsweise die Tronsole von Schöck gute Dienste.

Besteht nicht die Gefahr, dass es beim gesunden Bauen bei reiner Oberflächenkosmetik bleiben wird?
Ich glaube nicht. Das machen – wenn überhaupt – nur ganz wenige. Oder um es anders zu formulieren: Mir ist bisher noch kein Unternehmen oder Branchenplayer, der sich der Sache angenommen hat, negativ aufgefallen. Es passiert tendenziell genau das Gegenteil. Viele tun Gutes – ohne darüber zu reden. Das ist schade, weil damit gute Bauqualität gar nicht erst verstanden und nachgefragt wird.

Ihr Rat an die anderen?
Macht alle mit! Es dient der „öffentlichen Gesundheit“ und für innovative Unternehmen bietet es ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal. Verbessert sich die Bauausführung, profitieren Eigentümer wie Mieter. Eine wichtige Botschaft lautet: Gesundes Bauen muss nicht teuer sein und ist eigentlich eine Grundanforderung an das Bauen. Und noch ein Gedanke für das Eigenheim: Wer für schöne Oberflächen und das Einrichtungsdesign sehr viel Geld ausgibt, sollte gerade bei der gesunden Grundausstattung der eigenen vier Wände nicht zum Sparefroh werden.


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Datum: 20.12.2017

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