Blonde Frau mit schwarzer Hornbrille und schwarzem Sakko sitzt an Schreibtisch und lächelt in die Kamera.

Kerstin Brodegger gründete 2008 ihr Ingenieurbüro, in dem sie Planung, Innenarchitektur, Feng-Shui und Geomantie vereint. © Evelyn Hronek, Kamerawerk

Was ist Seelenarchitektur: Interview mit Kerstin Brodegger

Innenarchitektur, sagt Kerstin Brodegger, beginnt nicht mit Möbeln. Sie beginnt mit dem Menschen. Mit seiner Geschichte, seinen ­Gewohnheiten, seinen bewussten und unbewussten Bedürfnissen. „Seelenarchitektur“ nennt sie diesen Ansatz.

Wir haben eine Innenarchitektin getroffen, die Funktionalität mit Sensibilität verbindet, die über Feng-Shui genauso spricht wie über Lichtplanung, über Geomantie ebenso selbstverständlich wie über ergonomische Regeln. Es geht um mehr als Stil. Es geht um Resonanz. Um Räume, die nicht einem Trend entsprechen wollen – sondern solche, die tragen. Es erwartet Sie ein Gespräch über Materialien und Farben, die das Nervensystem beruhigen, Proportionen, die Sicherheit vermitteln, die Wichtigkeit von Licht und über die Verantwortung von Architektur in einer Welt, die uns täglich reizüberflutet.


4W: Sprechen wir über Seelenarchitektur. Dieser Begriff weckt starke Emotionen, aber es ist auch schwierig, ihm einen Rahmen zu geben. Wie definieren Sie persönlich und beruflich Seelenarchitektur jenseits des Marketingsprechs?


Kerstin Brodegger: Für mich war schon von frühester Kindheit an klar, dass Räume einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden haben. Ich hatte da immer recht stark ausgeprägte Antennen dafür. Das ist wohl auch der Grund, warum mein Vater das Kinderzimmer mehrere Male umstellen und umstrukturieren musste (lacht).

Wir Menschen sind Physis und Psyche, und beides braucht einen heimatlichen Hafen, wo wir zur Ruhe kommen, Energie tanken und uns ausruhen können. Das Wohnumfeld muss Sicherheit und Geborgenheit geben, wie das Auge des Hurrikans, in dem ich sicher bin, während draußen der Sturm tobt. Seelenarchitektur ist für mich genau das. Ich kreiere Räume, die Energie und Sicherheit geben, Geborgenheit vermitteln und den Bewohnerinnen und Bewohnern guttun.

4W: Passiert es Ihnen, dass Sie Wohnungen oder Häuser betreten und sofort spüren, dass da etwas „falsch“ ist?

KB: Man kommt natürlich schon auch in Räume, die einem recht schnell das Gefühl geben, nicht stimmig zu sein. Ich spreche jetzt aber nicht von zusammengewürfelten Einrichtungen, das ist kein Problem, im Gegenteil. Die Kommode von der Oma, ein besonderer Tisch aus dem Elternhaus – der passt jetzt optisch vielleicht nicht in den momentanen Raum, aber das kann man ja verändern. Wenn das Möbel eine besondere Bedeutung hat, dann wird eben der Raum um dieses Stück herum gestaltet. Wenn ich von nicht stimmigen ­Räumen spreche, meine ich vielmehr dieses Gefühl, das entsteht oder vielmehr nicht entsteht, wenn ich mich in dem Raum befinde. Da fehlt dann die Seele. Oft sind es falsche oder vielmehr fehlende Farben, ein ­Interieur wie aus dem Katalog oder von der letzten Instagram-Story: Alles gleichgeschaltet clean in Weiß und Beige, weil man „das halt so macht heute“.

Kerstin Brodegger gründete 2008 ihr Designbüro KristenB.design. In ihrer Arbeit vereint sie seitdem technisches Verständnis mit einer offenen, empathischen Arbeitsweise und entwickelt Konzepte, die Ästhetik, Funktion und Energie in Einklang bringen.

4W: Sie sprechen davon, individuelle Bedürfnisse in Architektur zu übersetzen, und davon, Räume zu kreieren, die sich „richtig anfühlen“. Nicht jeder Raum fühlt sich für jedes Individuum aber gleichermaßen „richtig“ an. Wie lesen Sie Menschen und ihre Bedürfnisse?

KB: Ich starte immer mit einem langen, persönlichen Gespräch vor Ort. Ich muss die Menschen, die mich beauftragen, und ihre Wohnumgebung kennenlernen. Welche Möbel stehen schon hier, wie schaut es mit den Materialien und Farben aus. Wie lange leben die Menschen schon an diesem Ort? Um ein Gesamtbild zu erschaffen, ist auch interessant, wie die Menschen auftreten, welche Farben tragen sie, welche Materialien. Das lässt auch Rückschlüsse darauf zu, was den Betroffenen ein gutes Gefühl und (Selbst)sicherheit gibt. Neben dem Sprechen und Beobachten passiert in dieser ersten Phase meiner Arbeit auch sehr viel unterbewusst. Ich spüre in der Regel recht schnell, wo anzusetzen ist.

4W: Holz, Lehm, Stein, Beton, Kunststoff, Textil – jedes Material besitzt Haptik, Temperatur, Geruch, akustische Eigenschaften. Worauf achten Sie bei der Auswahl und Kombination besonders? Und: Gibt es Materialien, die Sie gänzlich meiden?

KB: Also, ich habe eigentlich nie wirklich ein Material komplett ausgeschlossen. Es muss am Ende für den Kunden passen. In Wirklichkeit ist auch Erdöl ein Naturprodukt, wir haben das ja nicht erfunden als Menschen, es kommt schon aus der Natur. Ich persönlich arbeite zwar nicht so gerne mit Plastik, aber es gibt Situationen, wo ich aus verschiedenen Gründen auf Produkte oder Möbel zurückgreife, in denen Kunststoffanteile enthalten sind.

Nehmen wir die Lehre des Feng-Shui zum Beispiel, vielleicht haben wir da später noch Gelegenheit, näher darüber zu sprechen. Im Feng-Shui gibt es unter anderem das Element Feuer, symbolisiert unter anderem durch Rot, Orange und Dreiecksformen. Wenn ich hier dann auf Stoffe oder Textilien gehe, greife ich auch mal zu Polyester, weil dieses Material eben dem Element Feuer zugeordnet ist. Nur so ergibt sich auch ein stimmiges Ganzes.

Grundsätzlich haben Materialien viel mit Schwingung zu tun. Das haben wir ja schon in der Schule in Physik gelernt. Der Tisch, der Boden, die Worte meines Gegenübers, der Mensch. Alles schwingt und hat eine Energie. Natürliche Materialien haben, und das wurde inzwischen oft nachgewiesen, eine höhere Schwingung, Kunststoff hingegen schwingt niedriger – und das spürt man auch. Wer mit allen Sinnen arbeitet, wird schnell merken, welche Materialien uns guttun und welche nicht. Es geht dabei nicht nur um die Optik, es geht um den Geruch, um die Haptik. Auch wenn wir es heute verlernt haben, weil es nicht mehr so wichtig ist, wissen wir Menschen instinktiv, was uns Schutz bietet, weil wir von jeher mit der Erde verbunden sind.

Das ganze Interview finden Sie im neuen 4W-Magazin.

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Redaktion
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