Die Designerin Anastasiya Koshcheeva aus Berlin vereint für ihren Loungesessel "Sibirjak" altes sibirisches Handwerk mit dem "Kunststoff des Mittelalters", Birkenrinde. Das in Vergessenheit geratene Naturmaterial überzeugt mit einer samtig-weichen Oberfläche und ist flexibel, reißfest, feuchtigkeitsabweisend und antibakteriell. Eine Wiederentdeckung mit Zukunftspotenzial! Neben Möbeln und Alltagsgegenständen werden bereits auch Bodenbeläge aus Birkenrinde am Markt angeboten.

Die Designerin Anastasiya Koshcheeva aus Berlin vereint für ihren Loungesessel "Sibirjak" altes sibirisches Handwerk mit dem "Kunststoff des Mittelalters", Birkenrinde. Das in Vergessenheit geratene Naturmaterial überzeugt mit einer samtig-weichen Oberfläche und ist flexibel, reißfest, feuchtigkeitsabweisend und antibakteriell. Eine Wiederentdeckung mit Zukunftspotenzial! Neben Möbeln und Alltagsgegenständen werden bereits auch Bodenbeläge aus Birkenrinde am Markt angeboten. © Frieder Reuter

Materialwunder: Nachwachsende Möbel

Materialien und Möbelbau der Zukunft: Nachwachsend, selbstreparierend, recycelt und aus dem 3D Drucker. Materialwunder im Überblick.

Wachsende Stühle, selbstreparierende Arbeitsplatten oder ein Tisch, der sich von ganz allein aufbaut? Welche spannenden Design-Innovationen es im Möbel- und Einrichtungsbereich gibt – wir haben uns auf dem Markt umgesehen.

KI statt Designer?

Mit seinen biologisch abbaubaren Wohnaccessoires aus dem 3D-Drucker bereits am Markt ist das österreichische Unternehmen JK3D. Die Vasen, Sockel und Beistelltischchen bestehen aus biobasierten Polymeren, die industriell kompostiert werden können. Die Produktion erfolgt mit dem 3D-Drucker nahezu abfall- und emissionsfrei, im Labor in Los Angeles oder im Studio in Wien, die beide mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Inspiriert von den Lamellen von Pilzen, werden die Wohnaccessoires digital mit Hilfe eines Algorithmus designt. Damit ist Lamella von JK3D ein Beispiel dafür, dass neben dem 3D-Druck auch die Digitalisierung neue Designs und Materialien hervorbringt. Mit der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz haben sich ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Bereits 2019 präsentierte der französische Designer Philippe Starck auf der Mailänder Möbelmesse ein Stuhlmodell, das eine Künstliche Intelligenz nach seinen Vorgaben entworfen hat. Zwei davon lauteten: möglichst wenig Material und maximale Stabilität. Zwei Jahre, mehrere Stuhl-Varianten sowie viele Material- und Körper-Analysen später entstand ein schlanker, organisch wirkender Sessel aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff aus Produktionsabfällen. Der A.I.-Stuhl war das erste Designobjekt seiner Art, mittlerweile gibt es beim italienischen Möbelhersteller Kartell, mit dem Philippe Starck zusammenarbeitet, eine ganze A.I.-Serie mit Hockern, Konsolen und Loungesesseln.

Pflanzen statt Plastik

Blickt man sich auf den aktuellen Möbel- und Einrichtungsmessen um, findet man Kunststoff und Kunststoff-Verbindungen noch und nöcher. Plastik ist nicht per se schlecht. Es hat in vielen Anwendungsbereichen seine Berechtigung und wird diese auch in Zukunft haben. Angesichts zugemüllter Meere, übervoller Deponien, ausgebeuteter Ökosysteme und eines überhitzten Planeten – die Herstellung von Kunststoff setzt allein in Deutschland jährlich 33 Millionen Tonnen CO2 frei – braucht es aber einen anderen Umgang mit dem Material. Kunststoff-Recycling ist sinnvoll, setzt jedoch voraus, dass kein weiteres Material untrennbar mit dem Plastik verbunden ist. Mit neuen, besseren Recyclingmethoden und hochwertigen Ausgangsstoffen wird daran gearbeitet, den Kunststoffkreislauf zu schließen. Stand heute ist das Material aber trotz thermischer und werkstofflicher Verwertung in erster Linie Abfall, der für immer in der Umwelt verbleibt. Ein radikalerer Ansatz ist, komplett auf Plastik zu verzichten. Weltweit arbeiten Designer, Ingenieure und Materialforscher an plastikfreien Lösungen, die geschlossene Kreisläufe ermöglichen. Mit "Bananatex" entwickelte das Schweizer Unternehmen QESTION ein auch für die Möbelindustrie vielversprechendes Material, das in den biologischen Kreislauf rückgeführt werden kann. Als Rohstoff dient Abacá, eine Bananenpflanzenart, die in Permakultur auf den Philippinen wächst. Sie hat besonders lange und reißfeste Fasern, aus denen ein robustes Gewebe hergestellt werden kann. Mit einem Naturwachs beschichtet, steht das fertige Endprodukt hochfesten synthetischen Textilien um nichts nach. Im Produktsortiment von QESTION finden sich aktuell vor allem Taschen und Rucksäcke, Bananatex könnte aber in Zukunft auch Polstermöbel und Sofas einkleiden.

Abfall wird zur Ressource

Viele der neuen biozirkulären Materialien stammen aus dem Meer. Start-ups stellen zum Beispiel Schaumstoff für Sitzmöbel sowie Furniere her, die zur Gänze aus Algen bestehen oder bieten Lederalternativen aus Fischhaut. Das Unternehmen SCALE wurde mit Platten und Fliesen aus Fischschuppen bekannt, ein Abfallprodukt der Lebensmittelproduktion. Die Fischschuppen enthalten eine thermo-plastische Substanz, aus der ein Material, Scalite, mit einer fast gesteinsartigen Optik und Haptik gewonnen werden kann. Es ist ein zu 100 Prozent kreislauffähiges Material, mit dem zum Beispiel MDF oder andere Werkstoffe, die mit Kunststoff vermischt sind, ersetzt werden können. Das Start-up brachte das Scalite zur Marktreife und wollte es unter anderem verstärkt in der Innenarchitektur einsetzen, musste aber 2023 schließen. Nicht alle Materialinnovationen, so hoch ihr zukunftsveränderndes Potenzial auch sein mag, können sich etablieren.

Smarte Materialien

Wenn auch bei weitem noch nicht so ausgereift wie Scalite, sind auch für eine Materialinnovation der ETH Zürich zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten denkbar. Die dortigen Materialforscher lassen aus einer 3D-gedruckten Oberfläche Pilze wachsen, mit dem Ziel, biologisch abbaubare Produkte herstellen zu können. Das entstehende Netzwerk von Pilzfäden, Mycelium genannt, ist anpassungsfähig, reinigt sich selbst und repariert sogar seine beschädigten Teile – ein Material, das lebt und mit seiner glatten, flexiblen und dennoch widerstandsfähigen Beschichtung, menschlicher Haut oder Leder ähnelt. Fast lebendig muten auch 4D-Objekte an, die aus der Weiterentwicklung des 3D-Druckverfahrens entstanden sind. Sie verändern ihre Form, wenn sie bestimmten Umwelteinflüssen ausgesetzt sind, zum Beispiel Wärme, Wasser oder Licht, können aber dank ihres Formgedächtnisses auch wieder ihre ursprüngliche Gestalt annehmen. Laut Designer und Informatiker Syklar Tibbits, der das Verfahren im von ihm gegründeten Self-Assembly-Lab an der MIT entwickelte, könnten sich so Möbel konstruieren lassen, die sich selbst zusammensetzen. Konkret hieße das, dass sich zum Beispiel ein 4D-gedruckte Platte bei Wasserkontakt in einen Stuhl verwandelt. 4D befindet sich noch in der Entwicklung, erste Möbel-Prototypen wurden aber bereits präsentiert: In Zusammenarbeit mit Biesse und Wood-Skin entwarf das Self-Assembly-Lab einen kleinen Tisch, bestehend aus 3D-gedruckten Holzfaserplatten und vorgespannten Textilien. Der Tisch kann flach versandt werden und springt dank der Flexibilität der Textilien an seinem Bestimmungsort in seine vorgesehene Form.

Möbel, die wachsen

Auf eine ganz andere Weise in Form gebracht werden die Möbel des britischen Unternehmens Full Grown. Sie werden weder in einer Produktionshalle Stück für Stück zusammengesetzt, noch entstehen sie Schicht für Schicht im Drucker. Sie wachsen am Feld, komplett natürlich in Permakultur, entlang von vorgefertigten Rahmen. Je nach Form entstehen so über die Zeit Stühle, Tische oder Lampen. Bis so ein Möbelstück ausgewachsen ist, dauert es naturgemäß recht lange. Ein Stuhl aus Weide braucht vier bis fünf Jahre, einer aus Eiche neun Jahre oder mehr. Nach der Ernte muss er ein weiteres Jahr trocknen, bevor schließlich gehobelt und geschliffen wird. Die Full Grown-Möbel haben bislang vor allem in Ausstellungen und Museen für Furore gesorgt, weniger als massentauglicher Alltagsgegenstand. Als umweltverträgliches Produktionsverfahren, das die Möbelherstellung völlig neu denkt, bietet es dennoch Lösungsansätze für die anstehende Ressourcenwende.

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Isabella Pils
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