Architektur, die uns wohltut
Beton, Glas, Stahl. Materialien, die Städte prägen und Skylines formen und die den Anspruch einer modernen, zukunftstauglichen Stadtgestaltung verkörpern. Die heutige Architektur steht für Fortschritt, Effizienz und technische Machbarkeit, aber sie vermittelt auch ein Gefühl von Leere, berührt uns nicht. Moderne Gebäude funktionieren – und erzählen nichts.
Moderne Architektur finde ich hässlich! Übertrieben? Zugespitzt? Nicht unbedingt. Zumindest, wenn man sich die verschiedenen Umfragen und internationalen Studien zu diesem Thema ansieht. Deren Ergebnisse deuten nämlich darauf hin, dass eine Mehrheit der Bevölkerung moderne Architektur ablehnt und traditionelle Baustile bevorzugt. Und zwar unabhängig von Alter, Bildung, Einkommen oder politischer Einstellung der Befragten. Traditionelle Gebäude werden zeitgenössischen Gebäuden vorgezogen, detailreiche, dekorierte Fassaden mit fraktalen Mustern sind beliebter als monotone, schmucklose Gebäudefronten, die sogar auf Ablehnung stoßen. In vielen Umfragen schneiden Gebäude aus der Nachkriegszeit besonders schlecht ab. Auf Nachfrage geben die Menschen an, dass sie lieber in Häusern wohnen, die wie aus dem 19. Jahrhundert aussehen.
Kann Architektur krank machen?
Dem Prinzip der „Healing Architecture“ kommt in letzter Zeit vermehrte Aufmerksamkeit zu. Dass Architektur beim Heilen helfen kann, wurde bereits mehrfach und in den unterschiedlichsten Studien und wissenschaftlichen Untersuchungen belegt. Wenn es eine heilende Architektur gibt, dann muss es aber auch das Gegenteil davon geben, also Architektur, Gebäude, die uns „krank machen“. Wie so eine Architektur aussieht, wann bauliche Gestaltung „gut“ ist sowie über ihre Forschung zur Wirkung von Ästhetik auf den Menschen und zur Schaffung einer bedürfnisorientierten Ästhetik, sprachen kürzlich die beiden Leiter des Instituts Mensch & Ästhetik Prof. Dr. Michael Heinrich und Prof. Dr. Niko Kohls im Zeitgeistpodcast „Wissen Sie was!?“. Die wichtigsten Thesen und Theorien daraus können Sie im Folgenden nachlesen.
Das Institut Mensch & Ästhetik wurde im Jahr 2023 an der Hochschule Coburg gegründet. Forschende aus Deutschland, Österreich und den USA arbeiten dort disziplinübergreifend daran, ästhetische Erfahrung im Spannungsfeld von Kultur und Natur zu verstehen. Es geht dabei eben auch um die Wirkung von Ästhetik auf den Menschen und darum, inwiefern Architektur zu psychischem und physischem Wohlgefühl beitragen kann.
Die Alhambra, eine Stadtburg auf dem Sabikah-Hügel im andalusischen Granada, gilt als eines der bedeutendsten Beispiele des maurischen Stils der islamischen Kunst. Die Architekten der Anlage waren besonders darum bemüht, selbst die kleinsten Stellen mit dekorativen Elementen zu versehen, wobei keines zu viel war. Komplexe geometrische Fliesenmuster (Zellige) und Muqarnas-Gewölbe erzeugen hier ein fraktales, detailreiches Erscheinungsbild, das dem menschlichen Auge immer wieder Anhaltspunkte liefert, jedoch nie überladen wirkt. © maylat/stock.adobe.com
Ästhetisches Empfinden ist individuell, oder?
Eine Gestaltung, die menschlichen Interessen möglichst weit entgegenkommt, ist eine gute Gestaltung. Nur was sind diese Interessen? Kann dafür ein generell anwendbares „Anforderungsprofil“ erstellt werden? Immerhin sind unsere Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte so vielfältig und widersprüchlich wie wir Menschen selbst. Was ist schön, was ist hässlich, was gefällt und was nicht? Eine einheitliche Meinung dazu scheint laut Michael Heinrich, der an der Hochschule Coburg zu Raumpsychologie und Atmosphäre lehrt, schlichtweg nicht formbar. So sind entsprechende Urteile stark kulturabhängig und auch individuell breit gefächert. Zugleich lässt sich aber relativieren: „Weil wir [Menschen] aber derselben biologischen Art angehören und daher viele ähnliche physische Eigenschaften gemeinsam haben, teilen wir auch viele Wahrnehmungen, Deutungsmuster und Vorlieben miteinander. Sinnliche Eindrücke und räumliche Umfelder wirken also auch jenseits erlernter Deutungen – und oft unbemerkt von unserem Bewusstsein – stark auf unsere Sinne, unsere Gefühle und unsere Motivationen ein. Sie beeinflussen und steuern unser Verhalten, unsere Leistungsfähigkeit, unser Wohlbefinden und unsere psychische und körperliche Gesundheit.“ So nachzulesen im Einführungstext auf der Instituts-Website.
Ästhetik ist (auch) etwas Privates
Egal ob einheitlich anwendbar oder nicht: Ästhetik als die Lehre des Schönen oder das Schöne an sich genießt für viele Menschen Privatheit. Aber, so erklärt es Michael Heinrich, wenn man sich mit Ästhetik beschäftigt, zeigt sich rasch, „welch starken Einfluss sie auf unser Wohlbefinden, unser Denken und Fühlen und auch unsere Planungen, unsere Absichten, unsere Entscheidungen hat.“ Und zwar weit über das Privatleben hinaus. Ästhetik hat Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Ökonomie und vieles mehr. „Denken Sie an die Leistungsfähigkeit zum Beispiel, die sich in guten Umgebungen vielleicht besser entfalten kann als in anderen, wo sich Menschen nicht wohlfühlen, oder denken Sie an das Gesundheitswesen, wo es darum geht, tatsächlich die Verweildauer auch von Genesenden zu reduzieren.“
Die Forschung belegt diese Zusammenhänge längst, wie Niko Kohls ausführt. In den 1980er-Jahren wurde etwa erforscht, wie sich die Krankenhausatmosphäre auf Menschen und deren Wundheilung auswirkt. Die Ergebnisse waren eindeutig, man konnte etwa zeigen, dass Patienten sich in Abhängigkeit von der Umgebung um 30 bis 40 Prozent schneller regeneriert haben, wenn sie in einem Krankenzimmer mit schöner Aussicht lagen und nicht in einem dunklen Raum mit Blick auf Beton etwa. Kohls: „Umgekehrt ist es wohldokumentiert, dass Lärm oder mangelndes Licht erheblich negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben können.“
From the cell to the social
Die Forschung auf dem Gebiet verfolgt heute einen ganzheitlicheren Ansatz aus der Systembiologie. Eine besondere Rolle spielt laut Niko Kohls dabei die Wechselwirkung zwischen Kontext und Lebewesen. So arbeitet man heute auch am Institut Mensch & Ästhetik empirisch und misst nicht nur subjektive Eindrücke. Kohls: „Wir erforschen die Auswirkungen von gebauter Architektur, von Umgebung auf den Menschen bzw. auf Gruppen von Menschen.“ Neben Fragebogenerhebungen werden auch psychophysiologische Parameter wie Stresssymptome, Cortisol und andere in den Gesundheitswissenschaften und in der Medizinpsychologie als State of the Art geltende Parameter einbezogen. Es geht darum, Kontextfaktoren zu erkennen, die das Wohlbefinden des Menschen in seiner gebauten und gestalteten Umgebung steigern, und die Wechselwirkung zwischen Kontext und einem Lebewesen zu analysieren. Und das sind längst keine abgehobenen Luxusprojekte mehr, dieser Ansatz findet in verschiedensten Organisationen Anwendung – vom Militär über Industrieunternehmen bis zum Kindergarten, so Kohls. In diesen Forschungen kann nachgewiesen werden, dass und wie Gestaltung auf die menschliche Gesundheit wirkt.
Warum wird gebaut, was nicht guttut?
Da stellt sich die Frage: Wenn wir wissen, dass die Architektur von Gebäuden sich negativ auf unser Wohlbefinden auswirken kann, warum wird dann noch immer so monoton und „hässlich“ gebaut? Michael Heinrich sieht das Problem einerseits in ökonomischen Zwängen und andererseits in einem überholten Menschenbild. In Bezug auf „billiger, mehr und immer gleich“ herrscht laut den Wissenschaftlern mangelndes Wissen darüber, dass Ästhetik eben auch eine ökonomische Komponente hat. Alles einzusparen und auf den gleichen Output hoffen – diese Rechnung geht laut Heinrich nicht auf. Man weiß heute, dass Ästhetik einen ökonomischen Vorteil bringt, denn wo sich Menschen wohlfühlen, sind sie leistungsfähiger und gesünder und das spart in weiterer Folge auch Geld. „Das ist den Auftraggebern aber noch nicht genügend bewusst“, so Heinrich.
Auch das rationalistische Dogma des funktionalen Wesens, „der Mensch als Biomaschine“, ist eigentlich seit mehr als 100 Jahren überholt. Aber unsere Welt scheint nach wie vor geprägt von den Architekturauffassungen der klassischen Moderne, die laut Heinrich genau dieses maschinenhafte Bild des Menschen stützen. Wichtig sei, von diesem historischen Bild abzurücken und humanorientiertere Umgebungen zu schaffen, die dem bereits erforschten, ganzheitlichen Verständnis des Menschen entgegenkommen.
Was hat Komplexität der gebauten Umgebung mit Wohlgefühl zu tun und warum ist Identifizierung so wohltuend? Lesen Sie den ganzen Bericht zum Thema "Architekt, die wohltut" im neuen 4W:
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