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Back to the 20s! Art Decó vor 100 Jahren und heute

Knapp 100 Jahre alt ist die als Art déco in die Kunstgeschichte eingegangene Bewegung, die jetzt die Designwelt aufs Neue erobert. Mit seiner Vorliebe für exquisite Handwerkskunst passt es zum gegenwärtigen Revival von Wertigkeit und Beständigkeit.

Als 1925 in Paris die Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes feierlich eröffnet wird, hat es schon längst begonnen: das Zeitalter der Dekoration. In Frankreich gelten die Art décoratifs, die dekorativen Künste, als bedeutendste­ Kunstform des 20. Jahrhunderts. Insbesondere der Art Nouveau beflügelt die Lust am Dekor. In Paris hat man aber genug von dessen Überschwänglichkeit und sehnt sich nach einer Rückkehr zur Ordnung. So wird die Expo Impulsgeber für etwas Neues, Modernes: für das Art déco. 1925 noch als Style Moderne in aller Munde, sollte es dann seinen weltweiten Siegeszug antreten.

Kostbare Artefakte

Einer der größten Namen auf der Pariser Ausstellung: Émile-Jacque Ruhlmann. Seine Designs, zugleich klassisch und extravagant, übersetzen die Möbelkunst des 18. Jahrhunderts in die Moderne. Der Möbeldesigner Ruhlmann verwendet und kombiniert für seine schlichten, grazil geschwungenen Designs seltene­ Hölzer, wie Makassarholz, Rio-Palisander oder Amboina und verziert sie mit Elfenbein. Seine „kostbaren Stücke“, wie er sie selbst tauft, sind an Eleganz nicht zu übertreffende, zeitlose Unikate. Mondän und raffiniert ist auch die Handwerkskunst seiner Kollegen: André Groult entwirft mit der Haut von Stachelrochen überzogene Kommoden, René Lalique exquisite Glasarbeiten, Pierre Legrain vom Kubismus inspiriertes Interieur, Jean Dunand perfektioniert traditionelle japanische Lacktechniken.

Typische Elemente des Art decò modern interpretiert. Das edle, royalblaue Samtsofa scheint dank seiner filigranen Haarnadelbeine aus poliertem Edelstahl fast im Raum zu schweben. Mit bequemer hoher Lehne und dank geringer Größe auch für kleine Räume und schmale Wände ideal. © KARE Design

Zwischen den Zeiten

Die Vertreter des Art déco in Frankreich negieren jedoch keineswegs die technischen Neuerungen ihrer Zeit. Telefon, Beleuchtung, Heizkörper und anderen Annehmlichkeiten sollen unter der Beibehaltung zeitloser Eleganz Einzug in die Inneneinrichtung feiern. Tradition und Fortschritt: Beides hat im eklektischen Stil des Art déco Platz. Rückblickend wird es als ein Potpourri aus verschiedenen Stilrichtungen und Einflüssen beschrieben werden, mit manchmal widersprüchlichem Charakter. Rokoko oder Biedermeier treffen auf zeitgenössische Avantgarde. Designer finden unter anderem Inspiration im Kubismus, Fauvismus und Futurismus und greifen die Symbolik und Materialien afrikanischer, altägyptischer oder mesoamerikanischer Kulturen auf. Formale Ähnlichkeiten gibt es zu den Wiener Werkstätten, zum Deutschen Werkbund, zum Bauhaus und zum niederländischen De Stijl. Doch weder die funktionale Gebrauchsform noch die dekorative Ornamentik setzen sich in den sozial und politisch turbulenten Jahren der 1920er-Jahre als dominierende Form durch.

Verkaufsschlager Stromlinie

Nach seinem Pariser Debüt wird das exklusive und mondäne Art-déco-Interieur überall auf der Welt fabriziert und in großen Kaufhäusern verkauft – als qualitatives Duplikat oder billige Imitation. Vor allem in den fortschrittlichen USA wird der Art déco vom Sog der Kommerzialisierung und Massenproduktion erfasst: Designer gestalten Werbeplakate und Reklamebilder, entwerfen Radios, Staubsauger, Föhns, Uhren und beeinflussen so das ästhetische Empfinden der Massen. Das populärste formale Gestaltungselement: Streamline. Gründend auf der Faszination der „goldenen Zwanziger“ mit der Geschwindigkeit von Autos, Schiffen, Zügen und Flugzeugen, erlebt die Stromlinie einen rasanten Einzug in Design und Architektur.

Weißer Marmor und von Handverarbeitetes, massives Walnussholz mit goldlackierten Elementen. Diese Kredenz ist zeitlose Eleganz im Mid Century Style - so geht Art decò im Jahr 2020. © Covet House

Die Schönheit des Fortschritts

Die Künstler des Art déco goutieren die technisierte Großstadtkultur, Maschinen werden immer wieder zum Objekt ihrer Arbeit. Vor allem aber soll der Art déco ein neuer, moderner Lebensstil sein, der nach den Grauen des Ersten Weltkriegs das Schöne in den Alltag der Menschen zurückbringen, ja gar seine Verbesserung bedeuten soll. Die Designer des Art déco folgen damit dem ästhetischen Grundprinzip des Jugendstils, gehen bei der Veredelung der von der Industrialisierung geprägten Umgebung aber gewagter und mutiger vor. Sie bekennen sich zur modernen Welt, zeigen buchstäblich klare Kante, und wenden sich ab von den geschwungenen, fließenden Linien des Jugendstils. Bevorzugt wird eine nüchterne Ästhetik aus geometrischen Formen und scharfen Brüchen. Die organischen Ornamente und floralen Sujets des Vorläufers werden übernommen, jedoch plakativer in ihrer Darstellung. Das Ergebnis ist eine moderne Bildsprache, die Stilmerkmale des Jugendstils adaptiert und sich von der Ästhetik der Maschinen inspirieren lässt.

Überragendes Art déco

Diese klare, stilisierte Bildsprache des Art déco findet in der Architektur, insbesondere in jener der wohl berühmtesten Skyline, Niederschlag: Das Chrysler Building (1930), das Empire State Building (1931) und die Radio City Music Hall (1932) in New York sind mächtige Erben des amerikanischen Art déco. Ihre Fassaden und Motive fließen wiederum in spätere Versionen von Art-déco-Möbeln und -Dekorationen ein, etwa in die „Skyscraper Furniture“ des in seinem Geburtsland Österreich weitgehend unbekannten Paul T. Frankl.

Schwarz, Weiß und Gold. Der verchromte Armlehnsessel von KARE ist ein wunderschönes Beispiel für zeitgemäße Sitzmöbel im Art decò Stil und vereint typische Elemente dieser Epoche. Könnte so in einem hippen Boutiquehotel stehen. Oder bei Ihnen zuhause. © KARE Design

Als überragender Designhit in den USA wirkt der Art déco hier besonders im Industriedesign und in der Architektur noch bis in die späten Fünfzigerjahre nach. Das 1935 erbaute Vergnügungsviertel South Miami Beach, geplant von den US-Architekten Henry Hohauser and Lawrence Murray Dixon, ist mit über 800 Gebäuden aus der Epoche eine wahre Art-déco-Fundgrube. Erkundet man das sich auf einen Quadratkilometer erstreckende Art déco District, trifft man auf das so typische Zusammenspiel vertikaler Linien und turmartiger Ornamente. Symmetrie, optische Wiederholungen und Pastellfarben kennzeichnen die Fassadengestaltung.

Globaler Shootingstar fabriqué en France

Als ein wahres Designfeuerwerk erleuchtet der Art déco in dieser Zeit den internationalen Designhimmel. Von Frankreich aus prägt es weltweit Kunst, Mode, Film, Fotografie und (Innen)-Architektur. So global sein Erfolg und so eindrucksvoll seine Ästhetik auch sind, bringen nachdrängende Designkonzepte den Shootingstar rasch zum Verglühen. Bereits ab Mitte der 1920er-Jahre beginnt der Art déco in seinem Ursprungsland an Wirkungskraft zu verlieren. Mit dem Börsencrash 1929 bricht der Markt für luxuriöses Interieur ein. Die Nachfrage nach leistbaren Konsumgütern steigt, schmuckvolle Handwerkskunst weicht maschineller Serienfertigung mit billigeren Werkstoffen. Kritikern des Art déco missfällt der Hang zum Luxus und dessen schamlose Zurschaustellung. Mitte der 1930er-Jahre wird es schließlich von der funktionellen, schlichten Ästhetik der Moderne verdrängt. So kraftvoll ist allerdings seine Formensprache, dass sich das totalitäre Regime in Europa mitunter für seine Kolossalstatuen oder Propagandaplakate am Art déco bedient.

Eine Renaissance erfährt der Art déco in Architektur und Design der Postmoderne in den 1980er-Jahren. Unter der Verwendung von typischen Gestaltungselementen, etwa spiegelnden Oberflächen und wertvollen Materialien, lässt man den Art déco wieder aufleben – erlebbar etwa im Österreichischen Verkehrsbüro in Wien von Hans Hollein (heute Novomatic-Forum).

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Datum: 18.01.2021