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Neue Landlust nach Corona?

Das ausgebremste Stadtleben während der Lockdowns machten neue Wohn- und Arbeitsformen am Land zunehmend attraktiv. Grassiert nach Corona jetzt die Stadtflucht?

Restaurants, Clubs, Bars und Fitnessstudios geschlossen, Kulturveranstaltungen abgesagt, leere Einkaufsstraßen. Das Leben in den Städten war 2020 ein anderes. Diese Erfahrung könnte viele Großstadtbewohner dazu bringen, ihrem Wohnort den Rücken zu kehren. Die Pandemie als Auslöser für eine verstärkte Abwanderung aus den Stadtzentren? - Was dafür spricht, was dagegen.

Wachsende Stadtregion trotz negativer Binnenwanderung

"Ich will raus aus der Stadt" - blickt man auf die Statistiken, setzten 2020 immer mehr Städter diese Willensbekundung in die Tat um. Deutlich wird diese Enwicklung besonders in Innsbruck, Linz, Wels, Graz und Wien. Im Jahr der Pandemie verzeichneten sie ein negatives Wanderungssaldo. Die Bundeshauptstadt etwa haben 2020 mehr Menschen verlassen, als zugezogen sind (-3.431). 2016 waren noch mehr Menschen zu- als weggezogen (+1.138). Aussagen über das Ausmaß der Zu- und Abwanderung können vom Minus in der Binnenwanderungsstatistik allerdings nicht abgeleitet werden. Sie hat auf die Bevölkerungsentwicklung nur bedingte Auswirkungen. Bezieht man nämlich das Volumen der Gesamtbewegung mit ein, bewertet man also die Zu- und Wegzüge separat, liegt das Jahr 2020 im mittelfristigen Trend. Das heißt: In Österreich wachsen ländliche und besonders städtsche Regionen weiter - durch Zuwanderung, vor allem aus dem Ausland.

 
So sind im vergangenen Jahr ländliche und besonders städtische Gebiete vor allem durch Zuwanderung aus dem Ausland gewachsen. Lediglich die Binnenwanderung der städtischen Regionen war negativ. Auf die Bevölkerungsentwicklung hat die Binnenwanderung daher nur bedingte Auswirkungen. Von einem Bevölkerungsschwund in der Stadt kann – auch wegen der ausgleichenden Zuwanderung von außen – freilich keine Rede sein.

Sehnsuchtsort Speckgürtel

Wien sticht in der Urban-Rural-Typologie der Statistik Austria hervor. Die Millionenstadt breitet sich aus, insbesondere entlang der Ausfahrtsstraßen. Auffallend ist die breite Achse Richtung Süden bis Wiener Neustadt. Aber nicht nur bei Wienern bedeutet "raus aus der Stadt" sehr häufig "rein in den Speckgürtel". Das städtische Umland erfreut sich überall ungebremster Beliebtheit. Selbst die teils horrenden Preise scheinen dem keinen Abbruch zu tun. Der Speckgürtel verspricht Wohnen im Grünen, ohne auf die Vorzüge des urbanen Lebens verzichten zu müssen. Wer es sich leisten und beruflich ermöglichen kann, zieht also in den suburbanen Raum. Eine Tendenz, die sich seit Jahrzehnten am Immobilienmarkt beobachten lässt. Neu ist allerdings die zunehmende Akzeptanz von Heimarbeit. Ob sie den Trend zur Stadtflucht verstärken wird, bleibt abzuwarten.

Nicht jeder wagt den Schritt

Bereits jetzt erkennen lässt sich, dass seit Corona auch weiter von der Stadtgrenze entfernte Gegenden von Umzugswilligen ins Auge gefasst und Immobilien am Land vermehrt nachgefragt werden. Ein Hinweis auf eine neue, von der Pandemie ausgelöste Landlust? Werner Pracherstorfer, Leiter der Abteilung Raumordnung und Gesamtverkehrsangelegenheiten des Niederösterreichischen Landesamts, sieht etwa im Waldviertel durchaus Auswirkungen der Pandemie auf die Wanderungsbewegungen, allerdings seien diese vielerorts nicht signifkant. Für Robert Musil vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist die Pandemie kein Treiber der Suburbanisierung. Im Gespräch mit orf.at hält er fest, dass es auch darauf ankomme, ob Menschen tatsächlich ihre Wünsche realisieren oder nur online nach Immobilien suchen: „Ein Klick ist ein Klick, aber ein Zuzug ist ein Zuzug.“ Tatsächlich die Umzugskisten gepackt haben im Krisenjahr am häufigsten die Gruppe der 20 bis 29-Jährigen und jene, die es sich leisten konnten.

Es braucht Strategien für die Suburbanisierung

Es ist zu erwarten, dass der Trend zur Abwanderung in den Speckgürtel anhalten wird. Die betroffenen Kommunen müssen darauf entsprechend reagieren, Stadt und (Um-)Land kooperieren: Gefragt sind innovative Strategien für die Zukunft in den Bereichen Digitalisierung, Mobilität, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Kultur und Tourismus. Es gilt günstige Bedingungen zu schaffen, die den Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur gerecht werden. Dazu zählt unter anderem der Ausbau der Bildungsinfrastrukturr, eine gute Anbindung des suburbanen Raums an den urbanen, aber vor allem auch eine leistungsfähige digitale Infrastruktur mit einem schnellen und stabilen Internet. Damit noch nicht genug, bringt die Suburbanisierung auch ökologische Herausforderungen mit sich. Die Bodenversiegelung in Österreich schreitet rasant voran. Dabei für einen Großteil des Flächenfraßes verantwortlich sind Gewerbebauten und Einfamilienhäuser.

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Datum: 09.09.2021

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