Utopie umarmt Dystopie
Der chinesische Architekt Liu Jiakun wurde mit dem Pritzker-Preis 2025 ausgezeichnet. Nach Wang Shu im Jahr 2012 ist Liu, geboren 1956 in Chengdu, erst der zweite chinesische Preisträger, der von der Hyatt Foundation mit der weltweit höchsten Auszeichnung in der Architektur geehrt wird.
Liu Jiakun wurde 1956 in Chengdu geboren, der Hauptstadt der südwestchinesischen Provinz Sichuan. In jungen Jahren fühlte er sich eher zum Zeichnen und Schreiben hingezogen. Als 17-Jähriger arbeitete er im Rahmen des Zhiqing-Programms für "gebildete Jugendliche" in der Landwirtschaft. Die Praxis, jugendliche Schulabgänger aus den Städten zur landwirtschaftlichen Arbeit in arme Agrarregionen und entfernte Grenzgebiete zu schicken, war ein zentrales Element der maoistischen Politik. 1978 begann Liu sein Architekturstudium am Institut für Architektur und Ingenieurwesen in Chongqing. Nach seinem Abschluss war er zunächst für das staatliche Chengdu Architectural Design and Research Institute tätig, bevor er nach Tibet zog und die Architektur vorübergehend hinter sich ließ. Im Jahr 1999 gründete Liu das Architekturbüro Jiakun Architects (家琨建筑) in seiner Heimatstadt Chengdu. Das Studio entwickelte sich rasch zu einem der führenden Büros für die Gestaltung öffentlicher Kulturräume in China und wurde international für seinen charakteristischen Ansatz anerkannt. Das Büro ist mittlerweile über Chengdu hinaus mit weiteren Standorten in den Metropolen Peking und Shanghai vertreten. Liu Jiakun hat bisher ausschließlich in China gearbeitet, der Pritzker-Preis 2025 verschafft seinem Weg einer menschlich geprägten Architektur nun internationale Aufmerksamkeit.
Die neunköpfige Jury, der unter anderem die früheren Pritzker-Preisträgerinnen und Preisträger Alejandro Aravena, Kazuyo Sejima und Anne Lacaton sowie der renommierte Kunsthistoriker Barry Bergdoll angehörten, begründete ihre Entscheidung mit Liu Jiakuns außergewöhnlicher Fähigkeit, scheinbare Gegensätze zu vereinen: "Liu Jiakun wird zum Pritzker-Preisträger 2025 ernannt, weil er den Dualismus zwischen Dystopie und Utopie nicht ablehnt, sondern umarmt und uns zeigt, wie Architektur zwischen Realität und Idealismus vermitteln kann. Weil er lokale Lösungen zu universellen Visionen erhebt, und weil er eine Sprache entwickelt, die eine sozial und ökologisch gerechte Welt beschreibt."
Internationaler Durchbruch
Im deutschsprachigen Raum wurde man auf Liu Jiakun erstmals um die Jahrtausendwende aufmerksam. Die damals in der renommierten Berliner Architekturgalerie Aedes organisierte Ausstellung "Junge Architektur aus China" präsentierte aufstrebende Talente der chinesischen Architekturszene. Der Architekturhistoriker und Asien-Experte Eduard Kögel berichtet von einer bemerkenswerten Zufallsbegegnung: Er erkannte Liu 1999 in einem Berliner Restaurant, nachdem er kurz zuvor in Hongkong eine Zeitschrift mit dessen Projekten erworben hatte. Diese zufällige Begegnung führte später, im Jahr 2017, zu Liu Jiakuns erster Einzelausstellung in Deutschland, die ebenfalls in der Aedes Galerie in Berlin stattfand.
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Liu Jiakun © The Hyatt Foundation/ The Pritzker Architecture Prize
"Architektur sollte etwas offenbaren – sie sollte die Qualitäten der Menschen vor Ort abstrahieren, destillieren und sichtbar machen. Sie hat die Macht, menschliches Verhalten zu formen und Atmosphären zu schaffen, indem sie ein Gefühl von Gelassenheit und Poesie vermittelt, Mitgefühl und Barmherzigkeit weckt und ein Gefühl von Gemeinschaft kultiviert."
Hilfe zur Selbsthilfe
Liu Jiakun gilt als scharfer Kritiker der Abrisspolitik im kommunistischen China und als konsequenter Mahner gegen die Zerstörung des architektonischen Erbes seines Landes. In seiner über vier Jahrzehnte währenden Karriere hat Liu mehr als 30 Projekte realisiert, die alle in China angesiedelt sind. Sein Œuvre umfasst ein breites Spektrum von Projekten: Bildungseinrichtungen, Kulturbauten, Gewerbeimmobilien, öffentliche Räume sowie Einkaufszentren. Liu Jiakun verwendet in seinen eigenen Arbeiten alte Materialien wie Bambusschalungen für den verwendeten Beton oder Ziegel in alter Bearbeitungsform, die er "Rebirth Bricks" nannte und international Beachtung fand.
Sein Buch Rebirth Brick Proposal richtet sich ursprünglich an Betroffene des Erdbebens in Sichuan. Der Architekt erklärt, wie die Menschen vor Ort mit Rohstoffen aus der direkten Umgebung Leichtbauziegel für den Eigenbau von Häusern herstellen können. Dieses Konzept setzte sein Büro 2009 auch beim "Hu Huishan Memorial" um – einer ergreifenden Gedenkstätte für ein Erdbebenopfer, deren Form an die damals verwendeten Notunterkünfte erinnert und die vollständig aus diesen selbst entwickelten Ziegeln errichtet wurde.
West Village: Meilenstein urbaner Integration
In seiner Heimatstadt Chengdu hat Liu mit dem beeindruckenden Kulturzentrum "West Village" einen weiteren bedeutenden Beitrag zur sozialen Durchmischung des städtischen Raums geleistet. Eduard Kögel würdigt dieses Projekt auf seiner Website mit den Worten: "Liu Jiakun hat mit einem multifunktionalen Stadtblock im Zentrum eines neuen Hochhaus-Wohnviertels einen lebendigen Ort geschaffen, an dem unterschiedliche soziale Gruppen zusammenkommen. Gestapelte und geschichtete Funktionen stärken die soziokulturelle Nachhaltigkeit des Viertels, das sich in einem ständigen Anpassungsprozess verändern kann."
Ein historischer Moment für die chinesische Architektur
Liu Jiakun gehört derselben Generation an wie Wang Shu, der bereits 2012 mit dem Pritzker-Preis geehrt wurde. Beide Architekten haben ihre Ausbildung in China absolviert – was für international erfolgreiche chinesische Architekten ihrer Generation eher ungewöhnlich war, viele ihrer Kollegen studierten damals im Ausland. Heute zählen sie beide zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen chinesischen Architekturszene.
Als 53. Preisträger in der Geschichte reiht Liu Jiakun sich in eine illustre Gruppe von Architekturschaffenden ein, die die Baukunst weltweit maßgeblich geprägt haben und noch prägen. Seine Ehrung unterstreicht die wachsende Bedeutung der chinesischen Architektur auf der internationalen Bühne und würdigt seinen einzigartigen Ansatz, der traditionelle Werte mit innovativen Lösungen für zeitgenössische Herausforderungen verbindet.
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