Was macht eine kinderfreundliche Stadt aus?
Was ist eine kinderfreundliche Stadt? Wie viel Mitsprachrecht brauchen Kinder in Städten? Im Interview spricht Stadt- und Gesundheitspsychologin Dr.in Cornelia Ehmayer-Rosinak über die Notwendigkeit der bedürfnisorientierten Stadtentwicklung für Kinder.
Eine kinderfreundliche Stadtplanung bedeutet weit mehr als Spielplätze und Kindergärten. Von der Integration kinderfreundlicher Verkehrsmittel bis zu nutzbaren Grünflächen: Die kinderfreundliche Stadt hat viele Gesichter. Und davon profitieren nicht nur die Jüngsten – denn eine Stadtplanung, in der die Stimme der Kinder gehört wird, sorgt für lebenswerte Städte für alle Generationen.
Im Interview spricht Stadt- und Gesundheitspsychologin Dr.in Cornelia Ehmayer-Rosinak, Gründerin und Leiterin der STADTpsychologie, über das Potenzial und die Herausforderungen der kinderfreundlichen Stadtplanung. Wie können Kinder aktiv in die Stadtentwicklung eingebunden werden und wie könnten die bedürfnisorientierten Städte der Zukunft aussehen?
Frau Ehmayer-Rosinak, wie stehen Sie dem Konzept von Kinderzonen in Städten gegenüber?
Ehmayer-Rosinak: Als Psychologin verwende ich den Begriff "Kinderzone" nicht, denn es klingt für mich, als würden die Kinder eingesperrt und in einen bestimmten Bereich verbannt werden. Ich glaube aber, dass es dennoch wichtig ist, dass es in einer Stadt Bereiche gibt, in denen Kinder sich wohlfühlen. Auf gewisse Weise fallen zwar zum Beispiel auch Spielplätze unter Kinderzonen, doch ich finde, dass eine Stadt grundsätzlich immer den Anspruch haben sollte, im Gesamten auch kinderfreundlich zu sein, genauso wie sie barrierefrei sein sollte.
In Ihrer Arbeit begegnen Sie Städten in ihrer Gesamtheit als Wesen. Welche Rolle spielen Kinder und kinderfreundliche Gestaltung in diesem Wesen Stadt?
Ehmayer-Rosinak: Mein Zugang geht stark über die Frage der Beteiligung. Wie können sich Kinder und Jugendliche an der Stadtentwicklung beteiligen? Hinter dieser Beteiligung steckt auch Demokratisierung, und diese ist mit einem Lernprozess verbunden. Wenn ich nicht von klein auf Beteiligung lerne, regelmäßig übe und Erfahrungen mache, die mir zeigen, dass ich mitreden kann, dann entsteht dadurch eine passive Lebenshaltung.
Hinweise und Tipps
1.766.206 Kinder und Jugendliche unter neunzehn Jahren lebten laut Statistik Austria im Jahr 2024 in Österreich. Ob auf dem Land oder in den Städten – diese Kinder benötigen Wohnraum, in dem sie nicht nur leben, sondern spielen, lernen und sich entfalten können. In der traditionellen Stadtplanung spielen diese Bedürfnisse allerdings oft eine untergeordnete Rolle.
Bei meiner Arbeit an den Universitäten frage ich Studierende aus Österreich und Deutschland oft nach ihren Erfahrungen mit Beteiligung und bemerke, dass tatsächlich sehr wenige Übung darin haben. Daher sollte dieser Prozess idealerweise bereits in der Kindheit beginnen. Früher herrschte der Fehlglaube, dass Menschen sich in der Pension mehr für soziale Zwecke engagieren, weil sie dann mehr Freizeit haben, aber tatsächlich ist das nicht zwingend der Fall. Die Menschen, die sich ihr ganzes Leben lang engagiert haben, engagieren sich auch später mehr. Die, die ihr ganzes Leben lang passiv gewesen sind, bleiben in der Regel auch passiv. Es geht also darum, dass Kinder früh lernen, dass sie mitreden und mitbestimmen dürfen – und hoffentlich eine positive Erfahrung damit machen.
Wie könnte eine solche Beteiligung für Kinder aussehen? Haben Sie ein Beispiel für ein Projekt, an dem Kinderstimmen beteiligt wurden?
Ehmayer-Rosinak: Ich habe erst kürzlich an einem Projekt gearbeitet, bei dem ein Schulvorplatz in Wien gestaltet wurde. Da haben wir Zehn- bis Siebzehnjährige einbezogen, und gerade die Kleinsten haben dabei das höchste Interesse gezeigt. Zu Beginn des Projekts war ich mir nicht sicher, ob die Jüngsten überhaupt verstehen würden, was von ihnen gefragt ist, doch sie waren absolut motiviert und begeistert. Natürlich mussten wir das Material erst altersgerecht für sie aufbereiten, aber die Arbeit an dem Projekt hat mir gezeigt, dass Kinder viel mehr verstehen, als man vielleicht denken mag. Das sind die idealen Voraussetzungen, um eine bleibende Erfahrung zu schaffen. Die Erinnerung an den Prozess vergeht nicht, auch wenn man älter wird, selbst wenn man sich nicht jedes Detail merkt. Was bleibt, ist das Wissen, dass man mitgewirkt hat.
Die Seestadt Aspern, eine Stadt in der Stadt Wien, bietet Parks, Spielplätze, Grünflächen und den namengebenden See. 2022 wurde unter anderem der Simone-de-Beauvoir-Platz (im Bild) intensiv nachbegrünt. © Luiza PuiuIst
Welche Lobby haben Kinder aktuell in der Stadtplanung? Wie werden ihre Bedürfnisse berücksichtigt?
Ehmayer-Rosinak: Persönlich kann ich hier hauptsächlich für Wien sprechen, das ist natürlich nicht repräsentativ für ganz Österreich. Grundsätzlich bemerke ich schon, dass immer mehr auf die Rechte und Bedürfnisse von Kindern geachtet wird, das beginnt schon in den Schulen. Wenn es aber um Umfragen geht, und wenn Beteiligung an Projekten gefragt ist, geraten Kinder schnell in den Hintergrund.Allerdings gibt es auch Themen, in denen sich in dieser Hinsicht mehr tut, wie zum Beispiel, wenn es um die aktive Mobilität geht. Schulstraßen sind dabei ein wichtiger Aspekt. Hier stehen die Bedürfnisse der Kinder mehr im Fokus. Was die Beteiligung an Abstimmungen oder Umfragen angeht, ist es allerdings auch oft ein organisatorischer und finanzieller Aufwand, denn dafür müssen die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, und das ist oft teuer.
Durch welche Methoden und Prozesse könnten Kinder Ihrer Meinung nach in der Zukunft besser in die Stadtplanung eingebracht werden?
Ehmayer-Rosinak: Meine Arbeit hat mir verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Kinder- und Jugendbeteiligung in Projekten aktiv zu forcieren. Das funktioniert einerseits über die einfachste Methode: Kinder sollten öfter nach ihrer Meinung befragt werden. Andererseits finde ich auch Kinder- und Jugendparlamente äußerst sinnvoll, wenn diese gut gemacht sind. In Wien wird das in verschiedenen Bezirken bereits unterschiedlich praktiziert. Dabei ist es natürlich wichtig, auf die Kinder und Jugendlichen zuzugehen. Man muss also dorthin gehen, wo sie sind, man muss sich Organisationen suchen, die vermitteln. Wenn es um Kinder im Volksschulalter geht, sind Schulen hervorragende Ansprechpartner. Bei Jugendlichen ist das oft ein bisschen schwieriger, da diese nicht mehr an die Schulen gebunden sind. Hier spielt auch die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit eine wichtige Rolle, denn vor allem die Kinder, die aus schwierigeren sozialen Verhältnissen kommen, müssen bei der Stadtplanung integriert und abgeholt werden.
Autofreie Zone: Superkilen in Kopenhagen bietet viel sicheren Aufenthalts- und Bewegungsraum mitten in der Stadt. Das in Rot, Schwarz und Grün unterteilte Areal bietet Platz für Entspannung, Sport und Spiel sowie Erholung im Grünen. © Iwan Baan
4W: Welchen Stellenwert haben Grünflächen und Pflanzen Ihrer Meinung nach, wenn es um kinderfreundliche Planung geht?
Ehmayer-Rosinak: In Zeiten der Erderwärmung wünschen sich die Menschen vor allem in der Stadt grundsätzlich mehr Grün. Im Sommer wird es in urbanen Gebieten sehr heiß, eine Pflanzung schafft Schatten und Abkühlung. In meiner Arbeit habe ich bemerkt, dass sich vor allem Mädchen oft Rückzugsorte wünschen. Für den Schulvorhof wurde zum Beispiel explizit um Sonnensegel gebeten, damit die Schülerinnen und Schüler bei jedem Wetter draußen sitzen und arbeiten können. Daran hatten die Planer zunächst gar nicht gedacht. Grün ist also einerseits natürlich immer für Kinder zu empfehlen, ebenso wichtig sind allerdings Rückzugsorte und Sitzgelegenheiten, damit die Flächen auch benutzt werden können. Gemeinschaftsgärten können unter anderem eine gute Möglichkeit sein, um den jüngeren Generationen in den Städten einen Zugang zur Natur zu ermöglichen.
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