© ushi/shutterstock.com

Nachhaltig Bauen mit Stroh

Vor über 100 Jahren erfunden, erst in den 1980er Jahren wiederentdeckt: Bauen mit Stroh schützt die Umwelt, ist kostensparender als andere Bauarten und kann auch von Laien umgesetzt werden. Erfahren Sie hier alles über das Bauen und Wohnen mit Stroh.

Nachhaltiges Bauen und Sanieren stehen hoch im Kurs. Vor allem der Einsatz umweltfreundlicher Baustoffe soll ein Bekenntnis zu Natur und Nachhaltigkeit sein. Hierfür kann zu neu entwickelten Baumaterialien gegriffen werden, aber auch Altbewährtes kann eine Option für Häuslbauer sein. Wie das Bauen mit Stroh. Falls sich nun entsprechende Bilder in Ihrem Kopf auftun: Strohhäuser haben nichts mit rudimentären, feuchten Behausungen zu tun, sondern sind optisch nicht von Häusern zu unterscheiden, die in einer anderen Bauweise errichtet wurden.
 

Bio-Häuser mit Geschichte

Der Strohballen als Baustoff wurde um ca. 1890 von US-amerikanischen Siedlern in Nebraska entdeckt. Sie errichteten Gebäude aus quaderförmigen Strohballen und wurden positiv überrascht: Sowohl in der Hitze des Sommers als auch in der Kälte des Winters bewährten sich diese Häuser – manche stehen noch heute und beweisen, dass Strohballenhäsuer in punkto Langlebigkeit mit anderen Bauweisen mithalten können. Diese später in Vergessenheit geratene Bauweise wurde erst in den 1980er Jahren von der ökologischen Baubewegung wiederentdeckt und in alle Welt verbreitet. Zahlreiche Niedrigenergie- und Passivhäuser sind seither mit Stroh errichtet worden, allerdings ist das Bauen mit Stroh hierzulande im Vergleich mit anderen Bauarten eher selten. In Österreich gibt es laut einer Erhebung aus dem Jahr 2018 knapp 320 moderne Strohballenhäuser.

 

© Dry89/shutterstock.com

So wird Stroh zum Baustoff

Um als Baustoff zugelassen zu werden, müssen Strohhalme (am besten Weizen oder Roggen) strikte Anforderungen erfüllen: Sie sollten möglichst lang und unbeschädigt sein. Landwirtschaftliche Ballenpressen stellen die Strohballen für den Hausbau her. Die Ballen enthalten reines Stroh sowie Bindeschnüre und keine sonstigen Zusätze. Wichtig ist, dass sie eine Rohdichte von etwa 100 Kilogramm pro Kubikmeter aufweisen, weil von der stoff­lichen Dichte des Baustoffs die bauphysikalischen Eigenschaften wie Schallschutz- oder Wärmedämmqualität abhängen. Baustroh lässt sich für Außenwände (Dämmung, Putzträger, statisches Element), als Dachdämmung, Deckendämmung und in der Bodenplatte verwenden, sofern ausreichender Schutz vor Feuchtigkeit und Kondensatbildung gewährleistet werden kann.

 

Stroh-Konstruktionen für Selbstbauer

Für Häuser aus Strohballen gibt es zwei Bauweisen: die lasttragende Bauweise ("Nebraska-Stil"), bei der die Strohballen eine statische Funktion übernehmen, sowie die Holzständer- bzw. Holzrahmenkonstruktionen mit Strohballen als Wand- und Dämmmaterial.

Die lasttragende Strohbauweise lässt sich auch von Laien unter fachkundiger Anleitung recht schnell erlernen. Dabei werden die Strohballen wie Ziegel aufeinandergesetzt und tragen das Dach. Mit dieser Stroh-Bauweise lässt sich flexibel gestalten (Nischen, Bögen etc.) und im Vergleich schnell bauen. Ein weiterer Vorteil sind die sehr guten Dämmwerte (U-Wert von 0,09). Allerdings müssen die Strohballen aufwändig nachbearbeitet werden (Umbinden, Nachschneiden etc.) und es muss wesentlich mehr Platz für die Wände miteingerechnet werden. Bodenplatte und Dachkonstruktion müssen deshalb größer ausfallen.

Holzständerbauweise für Dämmung

Die Kombination aus tragendem Holzständerwerk mit Stroh als Wand- und Dämmstoff entwickelte sich im Gegensatz zu der tragenden Strohbauweise erst in den 30er Jahren, als man begann, zweigeschossige Strohballenhäuser zu errichten. Bei der Holzständerbauweise werden die Strohballen in ein tragendes Gerüst aus Holz oder Beton eingebettet. Dank neuester Bautechnik kann Stroh mittlerweile auch in Wände eingeblasen werden. Der ideale Putz besteht aus Kalk mit einem Lehmabrieb, der eindringende Feuchtigkeit gut aufnehmen und schnell wieder abgeben kann. Die Bauweise mit einer Holzriegelkonstruktion hat den Vorteil, dass die gesamten Wandstärken mit Putz von 44 bis 59 cm frei wählbar sind. Im Gegensatz zur lasttragenden Strohbauweise ist die verbaute Fläche bei gleicher Wohnfläche viel kleiner.

Behalten Sie den Überblick: Vorteile eines Strohballenhauses

 
  • Nachhaltig: Stroh ist sicher einer der ökologischsten Baustoffe überhaupt. Es wird aus dem Abfallprodukt eines nachwachsenden regionalen Rohstoffes, nämlich aus Getreide, gewonnen und ist vollständig biologisch abbaubar.
  • Klimafreundlich: In der Regel werden beim Bau eines Strohhauses ca. 80 bis 100 Tonnen CO2 eingespart. Schon bei der Herstellung des Baustoffs Stroh wird lediglich etwas Dieseltreibstoff für Traktor und Ballenpresse benötigt. Zudem wird Stroh "pur" verbaut: Die einzigen Zusatzstoffe, die ein Strohballen enthält, sind die Schnüre, mit denen er gebunden wird.
  • Energiesparend: Mit einer zwei bis vier Quadratmeter großen Photovoltaikanlage entspricht ein Strohhaus den EU-Gebäuderichtlinien des 2020-Nullenergiehauses.
  • Lärmdämmend: Sehr guter Schallschutz.
  • Wärmedämmend: Der  U-Wert (=Wärmedurchgangskoeffizient) liegt bei Kleinballen zwischen 0,1 und 0,14 W/m2K, bei Großballen meist unter 0,05 W/m2K.
  • Gesund: Ein voll atmungsaktiver Wandaufbau sorgt für ein gutes Raumklima. Der Baustoff ist zudem nicht allergen und schützt vor Elektrosmog.
  • Vielfältig einsetzbar: Unterschiedlichste Baustile möglich, begünstigt kreatives Gestalten.
  • Lange beständig bei korrekter Ausführung und gutem Feuchtigkeitsschutz. Das älteste bewohnte Wohnhaus steht seit 1921 in Frankreich.

Wie viel kostet die Strohballenbauweise?

Mit Materialkosten von etwa vier Euro pro Ballen ist Stroh ein günstiger Baustoff. Das klingt zunächst nach einer kostensparenden Alternative zu anderen Bauweisen. Aber: Um Baustroh in die Wände zu bekommen, ist weit mehr Hand­arbeit nötig als beim Aufbringen eines Wärmedämm-Verbundsystems. Dieser Mehraufwand frisst die Kostenvorteile im Normalfall wieder auf.

Brennt ein Haus mit Strohwänden leichter?

Nein. Ein Strohwandhaus ist ähnlich feuerfest wie eines aus Beton, allerdings sind durchaus hohe Auflagen zu erfüllen. Loses Stroh ist leicht entflammbar. Wird es allerdings zu Ballen gepresst, wird den Halmen durch den Druck die Sauerstoffzufuhr abgeschnitten, weshalb die als Baustoff zugelassene Strohballen deshalb als normalentflammbar gelten. Strohballenhäuser mit einer fünf Zentimeter dicken Lehmschicht erfüllen die höchste Brandschutzklasse F90. Das bedeutet, dass ein aus strohgefüllten Holzständerwänden erbautes Gebäude einem Feuer mindestens 90 Minuten standhält ohne zusammenzubrechen - genauso lange wie bei einem konventionellen Betonbau.

Besteht beim Bauen mit Stroh Schimmelgefahr?

Klare Antwort: Ja. Stroh darf nicht nass werden, weder in der Bau- noch in der Nutzungsphase. Ein Fundament mit Feuchtigkeitssperre und ein Dach mit weitem Überstand sind ein Muss. Die Wetterseite sollte zusätzlich mit einer Verschalung geschützt werden.

AutorIn:
Datum: 17.04.2012
Kompetenz: Bauplanung und Bauaufsicht