Merit Order: Teures Gas treibt Strompreise
Ist Ihnen der Begriff "Merit Order" in letzter Zeit auch wieder öfters untergekommen? Immer, wenn es am Energiemarkt kriselt und die Preise für Öl und Gas in den Himmel stiegen, kommt dieses umstrittene Modell auf den Tisch. Was hinter dem Merit-Order-Modell steckt und welche Auswirkungen es hat, erfahren Sie hier.
Auf das Wesentliche heruntergebrochen bedeutet das Merit-Order-Prinizip: Das teuerste Kraftwerk bestimmt den Strompreis. In "normalen" Zeiten stellt diese Art der Preisfindung zum einen sicher, dass für die Anbieter der höchstmögliche Gewinn erzielt wird, zum anderen, dass der Strompreis auf niedrigem Niveau bleibt. Aktuell geht diese Rechnung nicht auf, zumindest nicht für alle. Während Stromanbieter sich über enorme Profite freuen, zahlen Endkunden ordentlich drauf.
Warum Strom jetzt so teuer ist
In Österreich wird der größte Teil des Stroms aus erneuerbarer Energien gewonnen - dank Wasserkraft, Photovoltaik, Windrädern und Biomasseanlagen. Laut APG lag der Anteil an Erneuerbaren im März 2026 bei beeindruckenden 94,95 Prozent.
Nun sitzen wir 2026 nicht am Trockenen, die Sonne scheint, auch der Wind lässt uns nicht in Stich - warum zahlen wir also jetzt (wieder - nach 2022) um ein Vielfaches mehr? Die schlichte Antwort: Weil Strom-und Gasmarkt zusammenhängen.
Österreich kann in den Wintermonaten seinen Strombedarf nicht vollständig mit erneuerbaren Energien decken, weil z. B. weniger Schmelzwasser durch die Wasserkraftwerke fließt. Das heißt, es müssen im Winter vermehrt Gaskraftwerke zur Stromerzeugung herangezogen werden. Das ist grundsätzlich kein Problem, wären da aktuell nicht die Lieferengpässe und Handelsstreitigkeiten mit Russland und dem Krieg im Nahen Osten, die die Preise für Rohöl und Gas auf ein Rekordhoch treiben. In weiterer Folge wird der Strom, der in den Gaskraftwerken produziert wird, ebenfalls teurer.
Wie findet der Europäische Großhandel zu seinen Energiepreisen? © Österreichische Energieagentur
Merit-Order: Das Angebot bestimmt den Preis
Hinweise und Tipps
Bei einem typischen Wiener Haushalt beträgt der Anteil der reinen Energiekosten rund 50 Prozent des Gesamtstrompreises. Der Strompreis wird also zur Hälfte durch die Kosten für Erzeugung und Vertrieb des Stroms bestimmt, und zur anderen Hälfte durch Steuern und Abgaben.
Wie wirkt sich das teure Gas nun auf den Strommarkt aus? Die Preisbildung wird hier wie in jedem Markt von Angebot und Nachfrage beeinflusst. Eine Besonderheit des Strommarkts: Die Merit-Order-Kurve bestimmt den Preis. Das funktioniert so: Kraftwerke, die Strom günstig produzieren können, werden gemäß Merit-Order als erstes zur Bedienung der Nachfrage herangezogen. Das sind z. B. Photovoltaikanlagen und Windkraftwerke. Sie verdrängen die teureren Kohle, Erdagas- und Öl-Kraftwerke in der Merit-Order weiter nach hinten und sorgen so für niedrigere Preise. Im weiteren Verlauf werden so lange teurere Kraftwerke hinzugenommen, bis der prognostizierte Bedarf gedeckt ist. Am Ende richtet sich der Preis nach jenem Kraftwerk, das gerade noch einen Zuschlag erhält, weil es zur Deckung der Nachfrage nötig ist. Aktuelll sind das wieder die Gaskraftwerke. Zur Veranschaulichung: Wenn 99 Prozent des Stromes, der für die Versorgung notwendig ist, 6ct/KWh kostet, das letzte Prozent aber 60ct/KWh, dann kostet nach der Merit-Order der gesamte Strom 60 ct/KWh.
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Hinweise und Tipps
Je mehr Erneuerbare, desto günstiger
Wird viel Strom aus Sonnen-, Wind- und Wasserkraft gewonnen, ist auch der Strompreis niedrig. Müssen aber Öl- oder Gaskraftwerke angeworfen werden, steigen in einem Importland wie Österreich die Preise.
Warum die Merit-Order nicht das Problem ist
Was also tun? Lang- und mittelfristig gesehen ist klar: erneuerbare Energien ausbauen! Hätten wir in Österreich oder der EU so viele "grüne" Kraftwerke, dass auch das letzte Kraftwerk, das zur Deckung des Strombedarfs benötigt wird, ein Erneuerbaren-Kraftwerk ist, dann wären die Kosten niedriger. Die teuren fossile Kraftwerke würden nicht mehr benötigt und vom Markt verdrängt.