Was ist Brutalismus?
Der Brutalismus prägte die Architektur der Nachkriegszeit wie kein anderer Stil. Die massiven Betonkonstruktionen und unverputzten Oberflächen polarisieren bis heute. Man liebt ihn oder man hasst ihn.
Die Brutalismus-Architektur kam in den 1950er Jahren auf und hinterließ zahlreiche beeindruckende Bauten und Gebäude weltweit. Sein Name leitet sich vom französischen "béton brut" ab, was "roher Beton" bedeutet. Der Brutalismus zeichnet sich durch seine kompromisslose Verwendung von Beton aus, der vor allem in monumentalen und kantigen Strukturen zum Ausdruck kommt.
Geprägt wurde der Brutalismus vor allem vom Architekten Le Corbusier, der unbehandelten Sichtbeton als ästhetisches Mittel einsetzte. Charakteristisch für den brutalistischen Baustil sind:
- Sichtbeton als dominierendes Material
- Massive, skulpturale Formen
- Betonung der Konstruktion und Funktion
- Verzicht auf Dekoration
- Raue, unverputzte Oberflächen
Entstehung und Geschichte des Brutalismus
Der Brutalismus entstand Mitte des letzten Jahrhunderts, er entwickelte sich aus dem so genannten Funktionalismus. In der Literatur wird der Brutalismus als eine radikale Interpretation der Prinzipien der klassischen Moderne beschrieben. Wichtige Vertreter dieses Architekturstils waren der Vorreiter Le Corbusier (Unité d'Habitation, Marseille), Alison und Peter Smithson (Hunstanton School, England) und auch Paul Rudolph (Art and Architecture Building, Yale University). Typisch sinddie Verwendung von Sichtbeton, eine skulpturale Formensprache und der Anspruch, neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens zu entwickeln.
In den 1960er und 70er Jahren erlebte der Stil seine Blütezeit. Viele öffentliche Gebäude wie Universitäten, Rathäuser oder Kirchen wurden im brutalistischen Stil errichtet. Der Brutalismus wurde zum Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der Nachkriegsgesellschaft und ihres Glaubens an Fortschritt und Modernität.
Besonders in Großbritannien fand der Brutalismus große Verbreitung. Hier wurde er auch zur Lösung der Wohnungsnot eingesetzt, was zu kontroversen Großprojekten wie den Wohnblöcken von Trellick Tower in London führte.
Das Corbusierhaus in Berlin, auch Wohnmaschine genannt, wurde nach den Plänen des Architekten Le Corbusier errichtet. Ein Hochhaus im Berliner Ortsteil Westend, Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, das sämtliche typischen Brutalismus-Elemente aufweist. © photoopus/stock.adobe.com
Typische Formensprache des Brutalismus
Brutalistische Gebäude wirken oft monumental und abweisend. Ihr Erscheinungsbild ist geprägt von geometrischen Formen und einer expressiven Formensprache. Die Architekten des Brutalismus strebten nach Ehrlichkeit in der Gestaltung - die Konstruktion und die verwendeten Materialien sollten sichtbar und erlebbar sein. Typisch sind dierohen Betonoberflächen, die oftSpuren ihrer Entstehung zeigen, wie etwa Abdrücke der Verschalungsbretter. Diese "Ehrlichkeit" des Materials war für die Vertreter des Brutalismus von großer Bedeutung. Sie sahen darin einen Ausdruck von Authentizität und einen Gegenentwurf zur als oberflächlich empfundenen Konsumgesellschaft der Nachkriegszeit.
Brutalistische Gebäude in Österreich
Neben Frankreich, Deutschland und England finden sich auch in Österreich einige beeindruckende Beispiele für die brutalistische Architektur. Diese Bauwerke zeigen die Vielfalt und Ausdruckskraft des Brutalismus. Sie verdeutlichen, wie der Stil nicht nur für Verwaltungsbauten, sondern auch für Wohnarchitektur und sakrale Gebäude eingesetzt wurde.
- Wotruba-Kirche, Wien (Fritz Wotruba): Diese 1976 fertiggestellte Kirche ist ein einzigartiges Beispiel für brutalistische Sakralarchitektur. Der Bildhauer Fritz Wotruba schuf hier ein Gebäude, das wie eine abstrakte Skulptur wirkt - aus 152 Betonblöcken zusammengesetzt.
- Hauptgebäude der TU Wien (Karl Schwanzer): Der 1990 fertiggestellte Bau zeigt, wie sich der Brutalismus weiterentwickelte. Die markante Fassade aus Sichtbeton und Glas ist ein Wahrzeichen moderner Architektur in Wien.
- Wohnpark Alterlaa, Wien (Harry Glück): Diese Großwohnanlage aus den 1970er Jahren verbindet brutalistische Elemente mit dem Konzept der "Gartenstadt". Trotz der massiven Betonkonstruktion bietet sie durch großzügige Grünflächen und Gemeinschaftseinrichtungen eine hohe Wohnqualität.
- Pfarrkirche Steyr-Ennsleite (Josef Krawina): Diese 1961 geweihte Kirche ist ein frühes Beispiel des Brutalismus in Österreich. Ihr markanter Turm aus Sichtbeton ist weithin sichtbar und prägt das Stadtbild von Steyr.
Kritik und Neubewertung des Brutalismus
Lange Zeit galt der Brutalismus als hässlich und menschenfeindlich, abweisend udn kalt. Viele Gebäude wurden deshalb auchabgerissen oder umgebaut.Zudem waren viele brutalistische Bauten schlecht gewartet und verfielen zusehends, was ihr Image weiter verschlechterte.
Heute erfährt der Stil jedoch eine Neubewertung. So wurde die rohe Schönheit des Materials Sichtbeton von vielen Architekten und Planern in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt und geschätzt. Die sozialen Ideale des gemeinschaftlichen Lebens in diesen Gebäuden findet wieder Beachtung und der Brutalismus wird heute als wichtiger Teil des architektonischen Erbes des 20. Jahrhunderts anerkannt. Die markanten Formen brutalistischer Bauten eignen sich hervorragend als Fotomotive, was zu einer Renaissance in den sozialen Medien geführt hat.
Die bleibende Bedeutung des Brutalismus
Der Brutalismus ist mehr als nur "hässliche Betonklötze". Er steht für eine wichtige Phase der Architekturgeschichte und verkörpert die Ideale seiner Zeit - den Glauben an Fortschritt, soziale Utopien und die Kraft der Moderne. Auch wenn er umstritten bleibt, hat der Brutalismus bleibende Spuren in unseren Städten hinterlassen. Seine kompromisslose Ästhetik fordert uns heraus, über die Rolle von Architektur in der Gesellschaft nachzudenken. In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wichtiger denn je sind, können wir vielleicht sogar von der Langlebigkeit und Ehrlichkeit brutalistischer Bauten lernen.
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