Kostenfrage Nachhaltigkeit

Eine hochkarätige Expertenrunde diskutierte über zukunftsorientierte Gebäudekonzepte und biologisch abbaubare Baumaterialien sowie Trends und Visionen für nachhaltiges Wohnen.

Gebäudekonzepte der Zukunft – gibt es außer dem Passivhaus noch andere Konzepte? Wohin geht der Trend? Im ARS Seminarzentrum diskutierte eine hochrangige Expertenrunde über Baukonzepte der Zukunft, kam dabei aber ein bisschen vom Thema ab.

Für Ursula Schneider, pos architekten schneider ZT, geht es darum, eine nachhaltige Zukunft zu schaffen. "Seit zehn Jahren wird intensiv zum Thema Nachhaltiges Bauen geforscht, das Passivhaus erlebt einen Boom sondergleichen und hat neue Baustandards gebracht". Zukunftsorientierte Baukonzepte sind für Schneider z. B. Gebäude als Kraftwerke und "Cradle to cradle". Die Baumaterialien der Zukunft müssen für Schneider biologisch abbaubar sein, bzw. in einem Recycling-Zyklus gehalten werden.

Wohntraum: Haus mit Garten

"Ist Eigentum für Menschen wichtig" hat Motivforscherin Sophie Karmasin abfragen lassen. In Österreich ist für die Mehrheit ein eigenes Haus mit Garten samt bürgerlicher Familie ein Traum. Ein Traum, der allerdings ein Traum bleibt. Die wenigsten können es sich auch leisten, 51 Prozent leben tatsächlich so. "Vor allem die Jungen, auch Generation Biedermeier genannt, sehnen sich nach dem Eigenheim mit Garten und Familie. Nachhaltigkeit ist aber ein Thema", so Karmasin, "70 bis 80 Prozent der Befragten achten darauf". Auch Energie ist bei Sanierung und Neubau ein wichtiger Punkt. "Es geht den Menschen dabei aber nicht um die Umwelt, das Hauptmotiv sind die Kosten". Karmasin zitiert Zahlen aus Niederösterreich, wo 70 Prozent bereits Stromsparmaßnahmen (z.B. Standby-Kosten vermeiden, Herd vor Kochzeitende abschalten) umgesetzt haben. Laut Karmasin ist eine Heizumstellung erst beim Neubau ein Thema.

Johannes Fechner von klima:aktiv schlägt vor, dass sich zukunftsorientierte Baukonzepte an Schutzzielen orientieren, auf Ressourcen achten sowie die vollständigen Lebenszykluskosten darstellen sollten. So wären etwa Pelletsheizungen für ganz Österreich nicht möglich, so viel Holz würde es dann doch nicht geben.

Österreicher: "Verzogen und überfördert"

Auch wärmegedämmte Dächer führen zu neuen Problemen und teilweise absurden Lösungen, wie etwa eine Dachrinnenheizung, so Fechner, der auch von einer Freiflächenheizung vor Garagen nichts hält. Klimaschutz sehe anders aus. Die Österreicher kritisiert Fechner als "verzogen und überfördert". "Die erste Frage lautet immer: 'Gibt’s dafür eine Förderung?'" Es wird nicht gefragt, was ist gescheit, sondern was wird gefördert, ärgert sich Fechner.

"Jeder Quadratmeter, der nicht gebaut wird ist der nachhaltigste", sagt Karl Friedl, M.O.O.CON. Zukunftsorientierte Baukonzepte hätten beim Menschen anzusetzen: "Was braucht der Nutzer?" Auch die Energiewende gehe vom Nutzer aus, meint Friedl. "Ein Smart-Building Projekt setzt ein optimales Verhalten vom Nutzer voraus – der dürfe im Winter das Fenster nicht aufmachen, etc."

"Was ist Nachhaltigkeit", fragt dann der ehemalige GriffnerHaus-Boss Thomas Lenzinger. "Wenn man die graue Energie mitberücksichtigt, müssen sich heute verwendete Materialien ändern, man müsse die Gebäudehülle optimieren. Holz verbrennen ist dagegen sinnlos“. Lenzinger, der zwei Söhne Mitte 20 hat, glaubt an sich ändernde Wohnformen, an ein Zusammenrücken von Familien und Generationen: "Einfamilienhäuser sind out, nicht mehr jeder hat ein Haus mit Garten". Sophie Karmasin glaubt hingegen nicht an ein Mehrgenerationenhaus: "Das ist für fünf Prozent ein Thema". Karmasin sieht eher einen Trend zur Clanbildung, "mit eigenen individuellen und gemeinsamen Bereichen". Den kann auch Lenzinger erkennen und erzählt von einer Wohnhausanlage für Radfahrer.

Vom Gründerzeit- zum Plusenergie-Haus

"Wenn die Kosten kein Thema sind, kann man heutzutage ein Gründerzeithaus, ohne die Straßenfassade zu sanieren, ausgestattet mit einer Photovoltaikanlage am Dach, in ein Plusenergie-Haus oder in eine Niedrigenergie-Haus umwandeln", sagt Architektin Ursula Schneider.

"Die schwerwiegendsten Brocken und ein großes Drama bei der Sanierung" wären die Eigenheime. "Die Leute wollen ein eigenes Haus. Kleine Objekte sind bei einer Sanierung aber fünf Mal so schlecht wie große Objekte", erklärt Schneider. "Die größere Oberfläche benötigt im Vergleich wesentlich mehr Dämmstoff". Niemand wird als Einfamilienhaus-Besitzer geboren, meint die Architektin. "Das geschieht mit der Sozialisation, das ist ein massives Bildungsthema, das müsste in der Schule behandelt werden". Das hält Motivforscherin Karmasin für utopisch: "Die Realität ist davon weit entfernt, Menschen zu überzeugen, dauert sehr lange".

Auch für Christian Pöhn von der MA39 (Prüf-, Überwachungs- und Zertifizierungsstelle der Stadt Wien) ist das Mehrfamilienhaus dem Einfamilienhaus vorzuziehen. "Beim Einfamilienhaus geht viel mehr Energie verloren, das Mehrfamilienhaus gibt wegen der Nachbarwohnungen viel weniger Energie ab".

Nichts schlägt die Stubenheizung

Pöhn hält Sanieren "aber auch nicht für das Gelbe vom Ei". Er erzählt von der Diplomarbeit eines Steirers an der TU Wien. Dieser hatte sein Elternhaus auf den Umbau in ein Plusenergiehaus hin untersucht. Das Ergebnis: Nachdem die Eltern im Winter nur die Stube beheizen und der Rest des Hauses kalt bleibt, ist dieser Energieverbrauch nicht unterbietbar. "Es kommt immer darauf an, was verbraucht wird", so Pöhn.


Autor:

Datum: 01.03.2013

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