© Carlo Ratti Associati

Baubotanik: Bauen mit der Natur

Ein Forschungs- und Praxisfeld für Architekten, Ingenieure, Geistes- und Naturwissenschaftler, eine Disziplin, die Perspektiven zur Konstruktion von Bauten aus wachsenden Holzpflanzen auslotet und anwendet: Baubotanik ist nicht neu, es gibt inzwischen viele Bauten, die realisiert wurden. Alles zum Potential, Risiko und Herausforderungen dieser Bauweise.

Baubotanik auf den baulichen Einsatz von Gehölzen und Sträuchern in städtischen Umgebungen, in Parkanlagen, auf Straßen und in Gärten. Baubotaniker untersuchen die Eignung verschiedener Pflanzenarten für bestimmte Standortbedingungen und berücksichtigen dabei Aspekte wie Klima, Boden, Licht und Feuchtigkeit, um in weiterer Folge mit diesem Wissen lebende Architektur zu kreieren.

Was ist Baubotanik?

Der Begriff wurde am Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen IGmA (Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen) der Universität Stuttgart entwickelt und meint die unterschiedlichen Möglichkeiten, Bauwerke aus wachsenden Holzpflanzen zu konzipieren und herzustellen. Es geht darum, die Vorteile von Pflanzen in Bezug auf Ästhetik, Umwelt und Gesundheit zu maximieren und gleichzeitig technische Herausforderungen wie Wasser- und Nährstoffversorgung, Schutz vor Schädlingen und Krankheiten sowie statische Anforderungen zu lösen. Und nicht zuletzt geht es darum, lebende und nicht lebende Konstruktionselemente miteinander zu verbinden, Bäume mit Stahl und Beton „zusammenwachsen“ und sie irgendwann das Bauwerk nicht nur tragen, sondern auch kühlen, beschatten und lebendig werden lassen.

Lebende Brücken und Tanzlinden

In den tropischen Bergwäldern Ostindiens, beim Volksstamm der Khasi, macht man sich seit Jahrhunderten die Wachstumsprozesse von Bäumen zunutze. Hier finden sich unzählige, teils an die 20 Meter lange Brücken aus Luftwurzeln, die Boden und Geländer der Konstruktionen bilden. Zudem lässt man Steinplatten in die Wurzeln „einwachsen“, die für einen stabilen Übergang sorgen. Die lebenden Brücken bestehen aus Wurzeln, Steinen und Ästen, bewachsen mit Moos und Flechten, und sie fügen sich nahtlos in die Umgebung ein. Und das seit mehreren hundert Jahren. Was einfach klingt, unterliegt jedoch ausgeklügelten Plänen, spezieller Techniken und vor allem viel Geduld über mehrere Generationen.

Wie entstehen lebende Brücken? Die am Ufer eines Flusses gepflanzten Gummibäume sorgen mit ihren Wurzeln für Stabilität des Bodens, sie bilden das Fundament der Brücke. Sind die Bäume groß genug, wird ein Behelfskonstrukt über den Fluss gebaut, an dem die Luftwurzeln des Ficus elastica entlangwachsen. Die Wurzeln müssen immer wieder ineinander und miteinander verknotet werden, ähnlich einer Schnur, die man festbindet, bis daraus mit der Zeit eine Art Netz, ein tragfähiges Konstrukt entsteht. Dieser Prozess zieht sich über mehrere Jahrzehnte. Auf diese Weise Brücken zu bauen ist wohl der Inbegriff von Nachhaltigkeit und Bauen mit der Natur. Eine Technik, die für viele von uns heute schlicht undenkbar ist, zu der aber – und diese Stimmen werden unüberhörbar lauter – früher oder später zumindest in Ansätzen zurückgekehrt werden muss, wenn wir wirklich etwas verändern möchten.

Wer jetzt denkt, ausschließlich indigene Völker würden sich mit lebender Architektur beschäftigen, der irrt. Ein gutes Beispiel für die Anwendung von Baubotanik in unseren Breiten sind die so genannten Tanzlinden. Das sind kunstvoll geleitete Linden, deren Wuchsrichtung von Menschenhand manipuliert wurde. Sie sind und waren vor allem im mitteleuropäischen Raum zu finden und bildeten das Dorfzentrum, den Platz für Veranstaltungen, Konzerte, Bälle, Versammlungen, sie dienten dem Volk überdies als Gerichtsstätte oder für Verlautbarungen.

Der bauliche Weg zur Tanzlinde: Die Äste der Bäume wurden radial nach außen geleitet und entweder in der Baumkrone ein hölzernes Podest eingezogen, das den Baum begehbar machte, oder unter der Krone ein großzügiges Laubdach geschaffen, das – Klimawandel lässt grüßen – einen schattigen, kühlen Platz für die Dorfbewohner bereitstellte. Um die speziell geleiteten, schweren Äste zu stützen, wurden einfache Holzpfosten zu Unterkonstruktionen zusammengefügt, in einigen Fällen wurde auch mit steinernen Säulen gearbeitet. Entstanden sind ganz außergewöhnliche hybride Gebilde, die sich um den zentralen Stamm aufbauten und im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu lebendigen Gebäuden mutierten.

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Datum: 18.09.2023

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