© Adam Mork

Wir müssen in die Höhe!

Erlebt der Hochbau einen neuen Boom? Und was haben die wachsende Weltbevölkerung, der Baustoffmangel und der Bodenfraß damit zu tun?

Was vor ein paar Jahrzehnten noch den schlechten Ruf von Plattenbau und sozialem Brennpunkt hatte, wird für immer mehr Planer und Architekten zum Strohhalm in der städtischen Nachverdichtung. In naher Zukunft wird dieser Planet an die drei Milliarden Menschen unter 18 Jahren beheimaten. Zur Verdeutlichung: Diese Zahl entsprach der gesamten Weltbevölkerung im Jahr 1930! Die meisten dieser Menschen wird es in die Städte und deren Speckgürtel ziehen. Es braucht also Wohnraum, und dieser ist aufgrund des fehlenden Baulandes und des immer höher werdenden Ressourcenverbrauchs knapp. Stadtentwicklung kann also nur noch über die Höhe funktionieren. Und was vor ein paar Jahren, im Gegensatz zum nordamerikanischen Raum, in westeuropäischen, reichen Ländern noch verpönt war, wird nun zum standesgemäßen Luxus (gemacht): das Leben im Wolkenkratzer.

Hochhäuser: Bedarf und Realisierung sind zyklisch

Auf die Frage, ob das Hochhaus einen Höhenflug erlebt, gibt es keine ganz eindeutige Antwort. Nachdem in den frühen Nullerjahren eine starke Tendenz zum Hochhaus zu verzeichnen war, nahm diese Entwicklung vor allem in den späten 2010er Jahren wieder ab. So wurden 2018 noch 149 Hochhäuser über 200 Meter gebaut, im Jahr 2020 sank die Zahl auf 107 Gebäude. Aktuellere Zahlen aus einer Studie von BauInfoConsult zeigen aber eine abermalige Trendumkehr. So sind bei neu genehmigten Wohnhäusern ab 13 Stockwerken von 2021 bis 2023 in Deutschland etwa zweistellige Zuwachsraten zu erwarten.

Die Planung und Realisierung von Hochhäusern ziehen sich im Normalfall über Jahrzehnte, da kommt es nicht selten vor, dass das Gebäude bezugsfertig ist, wenn der ursprüngliche Bedarf sich schon wieder geändert hat. Das Hochhaus ist also bei seiner Fertigstellung oft gar nicht mehr am Puls der Zeit, ein Faktum, dem immer mehr Architekten entgegenarbeiten. Es geht gerade beim Hochhausbau darum, langfristiger zu planen und darüber nachzudenken, wie sich Verhalten, Materialien und künftige Bedürfnisse entwickeln. So kommt es auch seltener dazu, in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr nutzbare Hochhäuser abzureißen, und zwar in größerer Zahl als die hinzukommenden Neubauten.

Nachverdichtung und Upcycling sind unumgänglich

Relativ klar scheint: Das ist keine freiwillige Entwicklung. Von der Nische zum Trend wird das Hochhaus in unseren Breiten nicht von ungefähr. In Ballungsräumen ist der Platz knapp und die Nachfrage hoch. Da bleibt irgendwann nur noch der Weg nach oben. Attraktiv werden die neuen Wohntürme auch deshalb, weil sie genügend Platz für alle Wohnbedürfnisse und -anforderungen schaffen. Neben kostengünstigen, geförderten Sozialwohnungen bieten sie das ideale Spielfeld für hochpreise Miet- und Eigentumswohnungen im Luxussegment, was die Sache für Immobilienentwickler und Investoren, und nicht zuletzt für Architekten, interessanter macht. Zugleich wird dadurch aber die Chance auf leistbaren Wohnraum in urbanen Gebieten einmal mehr von der fehlenden Leistbarkeit ausgehebelt.

Es wird also wieder mehr in die Höhe gedacht – und gebaut. Besonders positiv: das passiert immer öfters auf Basis bereits vorhandener Gebäude. „Nicht abreißen!“ wird mehr und mehr zum Credo der zeitgemäßen Stadtplanung. Nach diesem Motto arbeitet auch das 2021 mit dem Pritzker Preis prämierte Pariser Architektenduo Lacaton & Vassal, das sich seit vielen Jahren konsequent und vehement für Nachhaltigkeit in der Architektur einsetzt. Jean-Philippe Vassal: „Es gibt zu viele Demolierungen von existierenden Gebäuden, die nicht alt sind, noch ein Leben vor sich haben und noch nicht ausrangiert sind. Wir glauben, dass das eine zu große Verschwendung von Materialien ist. Wenn wir genau hinschauen, wenn wir die Dinge mit frischem Blick sehen, gibt es immer etwas Positives, was man aus einer bestehenden Situation mitnehmen kann.“

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Datum: 18.09.2023

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