Höhe gewinnen: Skyscraper Award

Bereits zum 17. Mal wurde von Emporis die weltbeste Hochhausarchitektur ausgezeichnet: Wer es im „Hundert-Meter-und-höher“-Ranking unter die Top 10 geschafft hat, alle Ansichten und Aussichten.

It´s up to them ... Für das pyramidenförmige New Yorker Wohngebäude VIA 57 West hat sich das dänische Architekturbüro BIGBjarke Ingels Group den Sieg bei der 17. Ausgabe der Emporis Skyscraper Awards sichern können. Das pyramidenförmige Gewinnergebäude sei aufgrund seiner extravaganten und einzigartigen Form ausgewählt worden, urteilte die Jury.

1. Via 57 West - New York City, USA

He‘s got the look: Der Wohnturm verändert seine Form je nach Blickwinkel. 47 verschiedene einheimische Pflanzenarten begrünen den Innenhof des Wolkenkratzers, der seinen Bewohnern auf den Hudson River schauen lässt.

2. Torre Reforma - Mexico City, Mexico

Der Torre Reforma erhält das Nachhaltigkeitszertifikat LEED Platinum. Sein Design soll an ein offenes Buch erinnern. Analog zu 14 Kapiteln sind 14 Einheiten realisiert worden. Jede mit einem eigenen Innengarten.

3. Oasia Hotel Downtown

Die offenen Abschnitte des Oasia Hotel Downtown prägen „Sky Gardens“. Neben Kletterpflanzen wurden weitere Arten und Bäume ausgepflanzt. Ihre Blühzeiten sorgen für ein abwechslungsreiches Farbenmosaik.

Wegweisend, herausragend: Hochhausexperte Daniel Schuldt über unterschiedliche Antworten auf den globalen Höhenrausch, Materialfragen und den Faktor Mensch.

Architektur im Mittelpunkt: New York, Mexico City und Singapur haben es in Ihrem Emporis-Skyscraper-Ranking unter die Top 3 geschafft: Kommt da nicht Kritik auf, dass wieder nur Projekte an klassischen Hochhausstandorten zum Zug gekommen sind?

Daniel Schuldt, GF Emporis GmbH: Tatsächlich hat es New York seit 2011 zum ersten Mal wieder unter die Top 3 geschafft. Singapur war seit 2013 und Mexico City sogar seit 2003 nicht mehr in den Top 10 vertreten. Man sieht also, dass durchaus auch andere Metropolen spannende Projekte zu bieten haben. Nichtsdestotrotz ist es natürlich klar, dass es die klassischen High-Rise-Standorte immer wieder in die Rankings schaffen. An prestigeträchtigen Standorten ist der Konkurrenzdruck besonders groß und man möchte sich mit immer „besseren“ und außergewöhnlichen Projekten gegenseitig übertrumpfen. Dadurch entsteht insbesondere dort eine Vielzahl an großartigen und auszeichnungswürdigen Bauwerken.

© Bildmontage wohnnet.at nähere Informationen in der Galerie; Ned Snowman/shutterstock.com

AIM: Welche Entwicklungen lassen sich aufgrund der Spitzenplatzierungen am Skyscraper-Markt ablesen?

DS: Neue funktionale Designs sind schon seit Längerem ein großes Thema in der Baubranche. Der Wohn-, Arbeits- und Lebensraum soll so effizient wie möglich genutzt und gestaltet werden. Nachhaltigkeit spielt dabei eine große Rolle. Wir sehen, dass insbesondere „grünes“ Bauen immer beliebter und wichtiger wird. Dadurch sollen unter anderem Umweltbelastungen gesenkt und gleichzeitig Lebensqualität gesteigert werden – was viele der ausgezeichneten Projekte sehr gut umsetzen.

© Tim Bindels

AIM: Europa ist in diesem Wertungskatalog nur einmal vertreten. Und zwar mit einem kulturellen Flaggschiff an der Elbe: reiner Zufall – oder steckt hier doch mehr dahinter?

DS: Europa war in den letzten Jahren tatsächlich oft nur vereinzelt unter den Top 10 vertreten. Was wohl auch daran liegt, dass es bei uns nicht so viele High-Rise-Metropolen gibt, wie beispielsweise in Asien oder Amerika. Dass aber jedes Jahr mindestens ein bis zwei europäische Gebäude unter den ausgezeichneten Projekten sind, zeigt auch, dass Wolkenkratzer in Europa sehr bewusst und mit Sinn für Qualität gebaut werden. Die Platzierung der Elbphilharmonie freut uns als Hamburger Unternehmen dabei natürlich besonders – das lange Warten hat sich mehr als gelohnt.

AIM: Viele neue Projekte sind am alten Kontinent in der Pipeline: Unter anderem auch wieder bei Ihnen in Hamburg, wo die österreichische Signa mit dem David-Chipperfield-Projekt nun den Zuschlag für den „Elbtower“ bekommen hat. Steht Europa der Höhensturm erst bevor?

DS: Sicher kann man davon ausgehen, dass auch in Europa in Zukunft immer mehr Wolkenkratzer entstehen – auch an Standorten, die bisher weniger oder gar nicht dafür bekannt waren. Die europäischen Städte werden also weiter in die Höhe wachsen. Ein richtiger Höhensturm, wie wir ihn in vielen anderen Ländern zurzeit sehen, zeichnet sich für uns in der näheren Zukunft jedoch erst einmal nicht ab.

AIM: Tickt also die Stadt europäischen Zuschnitts auch künftig anders?

DS: Generell ist zu erwarten, dass Wolkenkratzer auch im Stadtbild europäischer Städte an Bedeutung zunehmen werden. Viele Innenstädte sind aber nach wie vor durch historische Altstädte und deren jeweilige Geschichte geprägt. Die High-Rise-Zentren müssen daher nicht zwangsläufig immer in den Innenstädten, sondern gegebenenfalls am Stadtrand oder in etwas außerhalb gelegenen Stadtteilen entstehen, wie man am Beispiel von Paris sehen kann. Bestenfalls gelingt die Symbiose von Alt und Neu, wie zum Beispiel bei der fünftplatzierten „Elphie“ in Hamburg. Die hohen Besucherzahlen dort zeigen, wie groß die Faszination der Menschen für Projekte ist, die Tradition und Moderne so harmonisch zusammenbringen.

© Oscar Hirata

AIM: Architektonische Gipfelstürme, Gigantismus, Projekte in XXL: Wirft der Kampf um jeden Meter nicht immer größere architektonische Schatten auf Stadtlandschaften?

DS: Hier adressieren Sie ein Problem, auf das es keine einfache Antwort gibt. Immer mehr Menschen zieht es vom Land in die Stadt – sowohl zum Wohnen, als auch zum Arbeiten. Da ist der Bedarf an Wohn- und Arbeitsraum groß. Einerseits müssen wir diesen Raum irgendwo schaffen. Andererseits möchte sich natürlich niemand in überfüllten und verstopften Innenstädten bewegen, in denen sich der Smog zwischen den Häuserschluchten staut oder Teile der Stadt – wie zum Beispiel der Central Park in New York – immer mehr von massiven Schatten verdunkelt werden. Entsprechende Kompromisse zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Gerade deshalb sind innovative und nachhaltige Gebäudedesigns so wichtig.

AIM: Apropos: Zurzeit tobt ein Kampf um die höchsten Holzhochhäuser: Kurzfristiger Trend oder nachhaltige Wende?

DS: Nachhaltigkeit ist wie bereits erwähnt in der Baubranche momentan zu einem wichtigen Faktor geworden. Dies schließt auch die Suche nach und das Experimentieren mit neuen Baumaterialien und -techniken mit ein. Nachwachsende Rohstoffe sind dabei natürlich besonders attraktiv. Inwieweit sich Holz als Baustoff für Wolkenkratzer jedoch langfristig und breitflächig durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Hier müssen einfach noch mehr Erfahrungswerte generiert werden.

AIM: Zurück zum Ranking: Was war für Sie im letzten Durchgang DIE urbane Überraschung?

DS: Die urbane Überraschung war im letzten Durchgang eindeutig der zweitplatzierte Torre Reforma aus Mexico City. Mit seiner markanten frei liegenden Betonfassade steht er gegen den aktuellen Trend, den Glasfassaden oder bepflanzte Außenoberflächen setzen.

© Edvard Mahnic

AIM: Welche Architekturbüros zählen aktuell zu den absoluten Wegbereitern in Sachen Wolkenkratzer?

DS: Das Architekturbüro Skidmore, Owings & Merrill war mit seinen Projekten in den letzten Jahren immer in den Top 10 des Emporis Skyscraper Award vertreten. Auch Kohn Pedersen Fox oder WOHA Architects haben in der Vergangenheit viele atemberaubende Projekte umgesetzt. Junge Wilde wie MAD Architects oder Bjarke Ingels Group setzen zudem in den letzten Jahren neue Maßstäbe, was innovatives und unkonventionelles Hochhausdesign betrifft.

AIM: In die Bewertung lassen Sie und Ihre Jurykollegen Design-, Funktions- und Technikfaktoren einfließen: Schön und gut. Aber was ist mit Ästhetik, mit Appeal?

DS: Bei dem Emporis Skyscraper Award geht es nicht in erster Linie darum, die „ideale Schönheit“ zu finden – denn die liegt ja bekanntlich immer im Auge des Betrachters. Wir möchten vielmehr Projekte auszeichnen, die durch ihre besonderen Eigenschaften aus der breiten Masse herausstechen und dadurch zukunftsweisend als Beispiel und Wegweiser für effizientes, nachhaltiges und „sicheres“ Bauen dienen können. Die Ansprüche an Wohn- und Arbeitsraum werden immer weiter steigen. Daher ist es wichtig, dass innovative Ideen, Baustoffe und -techniken sowie Designs gefördert und umgesetzt werden.

AIM: Abschließend: Ihr ganz persönlicher Lieblingswolkenkratzer?

DS: Eine schwierige Frage bei den zahlreichen spektakulären Projekten, die ich jeden Tag zu sehen bekomme. Ein Wolkenkratzer, der mich sowohl mit seinen technischen Innovationen als auch mit seiner Verbindung von traditionellen Baustoffen und Moderne sowie seiner perfekten Integration ins Stadtbild restlos begeistern konnte, ist der Al Hamra Tower in Kuwait City.*

AIM: Danke für das Gespräch!

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Datum: 27.07.2018