Die Evolution der Mobilität

Die Metropolen der Zukunft sind vernetzte Orte. Den Verkehr smart, umweltschonend und effektiv in dieses Netzwerk zu integrieren, ist dabei nur ein Teil der Herausforderung, wie das Architekturbüro GRAFT in seinem Report herausfiltert.

Bei der Konferenz DLDsummer in München wurden die zahlreichen Probleme und Potenziale der erhofften technologischen Revolution diskutiert. Es wird aber immer deutlicher, dass es sich in Wahrheit um eine schleichende Evolution der Mobilität handelt, deren Innovationen langfristig sowohl das individuelle Verhalten der Städter, deren gebaute Umwelt und Infrastruktur wie auch die Automobilbranche selbst umwälzen werden.

Afifi Zulkifle © Afifi Zulkifle

Disruptive Evolution der Mobilität

In den unterschiedlichen Regionen der Welt wird sich die integrierte Stadt aufgrund von sehr disparaten Ausgangslagen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickeln. Eine Metropole wie Los Angeles zum Beispiel hat sich über Jahrzehnte als autogerechte Stadt entwickelt. Aufgrund der geografischen Ausdehnung und des Mangels an öffentlichen Verkehrsmitteln wird das Auto mittelfristig das wichtigste Transportmittel bleiben. Schon seit längerer Zeit sollen daher beispielsweise nach Nutzerprofilen fest zugeordnete Spuren das Verhalten der Fahrer ändern. Sogenannte „Car Pool Lanes“ können nur von Autos mit zwei oder mehr Passagieren benutzt werden, mit einer Ausnahmeregelung für Elektroautos. Noch einen Schritt weiter gehen Konzepte, die den Zutritt zu innerstädtischem Verkehr an hohe Gebühren knüpfen. Diese und weitere Reglementierungsmaßnahmen werden als Übergangsphänomene weiterhin existieren, bis vernetzte und intermodale Systeme eine nutzer- und umweltfreundliche Mobilität ermöglichen. Wer in der Stadt schnell von A nach B kommen will, steigt bereits jetzt zunehmend auf Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel um. Insbesondere die junge Generation in den Städten macht es vor: Für diese Generation sind Angebote aus der Sharing Economy, die das Prinzip „Nutzen statt Besitzen“ verfolgen, eine weitaus flexiblere Möglichkeit, ihren mobilen Lebensstil zu gestalten. Da das Auto somit nicht mehr das individuelle mobile Heim ist, kann man immer schneller und flexibler zwischen verschiedenen Arten des Verkehrs wechseln: Bahn, Fahrrad, Carsharing, Bus oder E-Bike – es gibt keine Hemmschwelle mehr, sobald die jeweiligen Transportarten des intermodalen Verkehrs digital und vernetzt angeboten werden. Optimal gesteuert, ermöglicht dieser die ressourceneffiziente Nutzung des gesamtstädtischen Systems, die die Schwarmintelligenz seiner Communities individuell nutzbar macht.

Dang Nguyen/car2go       © Dang Nguyen/car2go

Erfolgreiche Mobilitätskonzepte werden sich zwar langsam, aber teilweise sehr disruptiv durchsetzen, da der Druck auf Metropolen weltweit durch die immer schneller fortschreitende Urbanisierung wächst und deren Infrastruktur an ihre Kapazitätsgrenzen bringt. In London, Brüssel und Warschau, den europäischen Städten mit dem größten Verkehrsaufkommen bei der morgendlichen und abendlichen Rushhour, kommt es auf fast 40 Prozent der Straßen zu signifikanten Verkehrsbehinderungen. Die langsam zunehmende Anzahl der Fahrzeuge mit Elektro- oder Hybridantrieb verringert zwar Lärm und Abgasemissionen, löst aber nur bedingt das allgemeine Kapazitätsproblem. Das wachsende Verkehrschaos hat bereits zu einer Veränderung im Verhalten der Nutzer geführt.

Zukunftskonzept Seamless Mobility

Eine barrierefreie Verknüpfung von privaten, geteilten und öffentlichen Verkehrsmitteln, die den Nutzern eine schnelle, flexible, saubere und kostengünstige Fortbewegung ermöglicht, ist der Schlüssel zur Mobilität der Zukunft. Smartphones mit den entsprechenden Apps ermöglichen dabei den Wechsel zwischen den Beförderungsarten und -mitteln. Je einfacher und schneller das Pendeln damit wird, desto längere Strecken werden allerdings auch wieder zurückgelegt werden. Dies muss aber nicht zwangsläufig zu einer Zunahme an Autos führen, wenn die vorhandenen Fahrzeuge gemeinschaftlich genutzt werden. Der Erfolg der Entlastungspotenziale von Sharingkonzepten hängt vor allem von deren Verknüpfbarkeit ab. Der mobile Städter von morgen wird nahtlose Übergänge zwischen verschiedenen Fortbewegungsmitteln, Anwendungsformen und Anbietern erwarten – sowohl in der direkten Nutzung als auch beim Bezahlvorgang. Intermodalität ist der Schlüsselbegriff, der schon heute dazu führt, dass Mobilitätsanbieter wie die Bahn nicht mehr nur Züge rollen lassen, sondern zusätzlich Carsharing-Angebote entwickeln und Elektrobikes einsetzen. Die digitale Koordination von vernetzten und automatisierten Bezahlsystemen ist der nächste notwendige Schritt zu einer noch flüssigeren, effizienteren intermodalen Mobilität. Die aktuell noch geringe Verbreitung von Elektroautos gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor liegt an vergleichsweise hohen Anschaffungskosten, ausbaufähiger Ladeinfrastruktur und niedrigen Reichweiten. Die Weiterentwicklung dieser Technologie sowie die wachsende Unterstützung aus der Politik werden aber dazu führen, dass in einigen Städten bis 2030 zwei Drittel der Fahrzeuge mit Elektroantrieb ausgestattet sein werden und 40 Prozent der Autos teilautonom fahren.

FXQuadro/shutterstock.com © FXQuadro/shutterstock.com

Elektroautos können so bei der Verringerung von Emissionen in den Städten helfen, während Carsharing-Konzepte und langfristig autonomes Fahren den Bedarf an Parkplätzen in den Zentren verringern und damit neue Räume für Wohnungsbau und Erholung schaffen. Die Einführung von selbst fahrenden Autos erlaubt dabei den Pendlern, die Zeit im Auto produktiver oder lustvoller zu nutzen. Viele Mobilitätsexperten betonen insbesondere die langfristigen Effekte des autonomen Fahrens. Carlo Ratti, Direktor des MIT Senseable City Lab, ist davon überzeugt, dass es dadurch weniger Fahrzeuge auf den Straßen geben wird. Durch die Kombination von Carsharing-Programmen und autonomen Fahrzeugen wird sich nach Ratti der innerstädtische Verkehr um 80 Prozent reduzieren (Lubell 2016). Insgesamt bedeuten weniger Fahrzeuge auch weniger verstopfte Straßen, weniger Lärm, kürzere Pendelzeiten und einen geringeren Schadstoffausstoß.

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Damit diese Zukunftsszenarien Realität werden können, müssen Autohersteller, Energiekonzerne, Technologieunternehmen und Städte an einem Strang ziehen. Neue Technologien und Geschäftsmodelle sind dabei genauso wichtig wie die Entwicklung zukunftsfähiger gesetzlicher Rahmenbedingungen und Partnerschaften zwischen dem privaten und öffentlichen Sektor.


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Datum: 23.10.2018

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