"Das Haus der Zukunft ist flexibel"

Architekt D.I. Hannes Bürger, SHARE architects in Wien, über das Bauen der Zukunft, veränderte Gesellschaftsformen, flexible Grundrisse und die Stellung des "österreichischen" Architekten zum Fertighaus.

Niemand anders als Architekten waren es, die die ersten Fertighäuser entwickelten. Man wollte die Möglichkeit der Vorfertigung nutzen, um Bauzeit zu sparen. Es folgten Jahre, in denen Fertigbauten in Architektenkreisen verpönt waren. Die Verbindung wird in den letzten Jahren aber wieder stärker.

Können Sie als Architekt sich beim Fertighaus genauso verwirklichen, wie beim "Baumeisterhaus"?

Ja. Die Fertighäuser, die wir entwickelt haben, sind nicht einfach fertige Module, die wie ein Baukasten zusammengesetzt werden, sondern es sind genau genommen sehr individuelle Grundrisstypen, die lediglich auf gewisse fertigungstechnische Vorgaben reagieren müssen. Im Ausbau ist die gleiche Vielfalt möglich wie bei einem Baumeisterhaus.

Individualisiertes Typenhaus oder Haus von der Stange mit architektonischem Anspruch?

Fertighäuser besitzen ein großes Potential, sie sind ideal für den Holzbau und nachwachsende Rohstoffe, sie bestechen durch kurze Bauzeit, sehr präzise Bauweise ist möglich, auf der grünen Wiese sind sie durchaus leistbar. Und für mich als Architekten bedeuten sie eine spannende Aufgabe. Im Bereich Einfamilienhaus sehe ich nach wie vor beides, im mehrgeschoßigen, geförderten Wohnbau erleben wir vermehrt Wohnsysteme von der Stange. Die Vorgaben punkto Kosten Grundrisstypologien, Gebäudetechnik und Bauphysik sind so strikt, dass wenig essentielle aber viel oberflächliche Individualität vorherrscht. Andererseits sind verlässliche und funktionierende Wohnmuster ja auch sehr wichtig für den Menschen. Man empfindet in vertrauten Strukturen, Sicherheit und Geborgenheit.

Wie steht Ihrer Meinung nach der österreichische Architekt zum Fertighaus?

Die „österreichischen“ Architekten stehen dem Thema Fertighaus meiner Meinung nach sehr neutral gegenüber, wer die Möglichkeit hat einen Fertigteilhaustypus zu entwickeln, wird das auch tun, sofern die Rahmenbedingungen passen. Es ist schließlich eine sehr spannende Aufgabe, die Balance zwischen der von den Benützern geforderte Individualität und der systematisierten Modularität der Fertigung zu finden. Ich habe eher das Gefühl das die Fertighausproduzenten den Weg zum Architekten scheuen und die Häuser lieber mit den ihnen vertrauten „Technikern“ entwickeln.

Gibt es hier so etwas wie einen Generationenunterschied?

Das glaube ich nicht. Es haben sich in der Vergangenheit auch „große“ Architekten mit Fertigteilhäusern versucht. Man denke z. B. an Gustav Peichls tonnenförmiges Fertigteilhaus.

Was ist das Haus der Zukunft?

Das Haus der Zukunft wird vermutlich durch flexible Grundrisstypologien, welche auf schnell wechselnde familiäre und soziale Umstände reagieren können, geprägt werden. Die Wiederverwertbarkeit der eingesetzten Baumaterialien und der Energie- und Ressourcenverbrauch durch „Wohnen“ werden in Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen. Wie lange man sich den flächenbezogenen „Luxus“ eines Einfamilienhauses in Zeiten extrem wachsender Population überhaupt noch leisten wird können, ist fraglich.


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Datum: 04.08.2015

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