Wie zeitgemäß ist das Einfamilienhaus?

Zu hoher Landverbrauch, zu lange Wege, zu hohe Erschließungskosten je Einheit – das Einfamilienhaus scheint heute aus vielen Gründen nicht mehr tragbar. Gute Alternativen, die den Anspruch an das private Paradies auch erfüllen, gibt es schon seit Jahren.

Für den einen Teil unserer Gesellschaft ist das Domizil im Grünen schlicht unleistbar und für den anderen Teil nicht (mehr) erstrebenswert. Die Zeiten von frei stehendem Haus, Garten und Zaun scheinen vorbei – zumindest auf den ersten Blick. Wo sind die Gründe dafür zu suchen und zu finden? In der Ökonomie? In der Ökologie? In der Landflucht oder in der Verstädterung mit immer knapper werdendem Bauland? Einblicke in Fakten und Ideen übers Wohnen in der Zukunft.

So wie unsere Elterngeneration werden unsere Kinder mit Sicherheit nicht mehr wohnen. Das sagen nicht nur Experten aus den betreffenden Disziplinen Wohnbaupolitik und Gesellschaftskunde, das kann sich jeder von uns selbst ausrechnen. Das typische Einfamilienhaus, wie wir es heute kennen, ist für künftige Generationen aus ökonomischer und ökologischer Sicht nicht mehr leistbar. Bei durchschnittlichen Grundstückspreisen zwischen 200 und 400 Euro pro Quadratmeter – Spitzen mit bis zu 1000 Euro und mehr in Tirol, Salzburg und Wien – muss allein für den Baugrund meist schon ein Kredit aufgenommen werden. Und dann steht noch nicht einmal ein Zelt auf der Wiese.

Zudem sind Einfamilienhäuser nach einem objektiven Faktencheck auch nicht mehr zeitgemäß. 140 Quadratmeter und mehr mögen für eine Mehrgenerationenfamilie mit drei bis vier Kindern und den Großeltern unter einem Dach absolut Sinn stiften, für ein Paar mit einem, maximal zwei Kindern, die spätestens nach Ende der Pubertät via one-way-ticket in die weite Welt oder zumindest in die nächste Universitätsstadt ziehen, sicher nicht.

Gartenstadt Puchenau II © Gartenstadt Puchenau II

Und dann wäre da noch der fehlende Platz. Eine Politik, die bei ­Baulandumwidmungen immer öfter auf die Bremse steigt, in Kombination mit steigender Landflucht einerseits und überhandnehmender Verstädterung mit immer knapper werdendem Wohnraum andererseits schreit förmlich nach Alternativen am Wohnungsmarkt.

Doch was sind die Alternativen? Wohl kaum riesige Wohnblöcke in den städtischen Randgebieten, in denen der Einzelne – die Zahl der Singlehaushalte stieg in den letzten Jahren enorm – in der Anonymität verschwindet, oder sanierte Zinshäuser in den Zentren, deren Miete sich kein Normalsterblicher leisten kann.

Bloß kein Scheibchenhaus

Kommt das Thema beim österreichischen Durchschnittsbürger auf Einfamilienhäuser, wird schnell klar, warum dieser sich so schwer tut, von der Idee des privaten Refugiums Abschied zu nehmen. Der öffentliche Wohnbau forciert vor allem die verdichtete Bauweise, sprich Reihen­haussiedlungen nach dem mehr oder weniger immer gleichen Schema. Und weil es schnell gehen und leistbar sein muss, gehören der morgendliche Toilettengang des Nachbarn oder die interessierten Blicke über die Gartenmauer für viele zum alltäglichen akustischen und spürbaren Standard. Kein Wunder, dass ein Großteil auf die als Massenware hergestellten Scheibchenhäuser gut und gerne verzichten kann.

„Viel Platz auf wenig Grund“, nach diesem Motto wird beim verdichteten Flachbau geplant. Beispiele, die Schule machten, sind unter anderen die Gartenstadt Puchenau bei Linz aus den Jahren 1963 bis 1968 und 1978 bis 1995 (Architekt: Roland Rainer) oder die Siedlung Halen in der Nähe von Bern (bezogen 1961, entworfen von Atelier 5). Was die modernen Versionen solcher Siedlungen ausmacht: Es sollen keine Anhäufungen immer gleicher Doppel- und Reihenhäuser entstehen, sondern vielmehr übersichtliche Anlagen, die wie historisch gewachsene Dörfer anmuten. Die einzelnen Baukörper werden versetzt angeordnet, Mehrfamilienhäuschen wechseln sich mit Wohnblöcken und Atriumhäusern ab, es gibt grüne Dachterrassen und private ­Innenhöfe genauso wie gemeinschaftlich nutzbare Räumlichkeiten und Freiflächen. Der geringe Platz ist optimal genutzt und im Idealfall wirkt nichts dabei einengend oder überladen.

Fotos: Gleis21 © Fotos: Gleis21

Gemeinsam planen, bauen, wohnen

In diesem Beitrag sollen vor allem zwei Modelle hervorgehoben werden, die sich dem zerplatzenden Traum vom Einfami­lienhaus entgegenstellen: Das Wohnmodell, das sich gerade in den Städten immer stärker durchzusetzen beginnt, basiert auf sogenannten Baugruppen oder auch Baugemeinschaften. Wie der Name schon vermuten lässt, geht es hier um mehrere Menschen, die sich zumeist über soziale Netzwerke oder entsprechende Plattformen im Netz zusammentun und gemeinsam Wohnraum schaffen wollen. Oberste Priorität: Selbstbestimmung von der Planung bis zum laufenden Betrieb. Es geht dabei um nachhaltiges Leben, Wohnen und Arbeiten in einer Gemeinschaft – die Integration der Aspekte Interkulturalität und Generationenvermischung miteinbezogen. Jeder hat das gleiche Recht, mitzureden und mitzuplanen, nach individuellen und persönlichen Vorstellungen zu gestalten – etwas, das üblicherweise nur den Häuslbauern am Land vorbehalten ist. Rechtlich treten Baugruppen als Vereine, Genossenschaften, Mietprojekte mit einem Bauträger, Wohnungseigentümergemeinschaften, GesmbH oder auch als KG, Stiftung oder Ähnliches auf. Geschaffen werden Wohnprojekte, die in ihren Grundzügen eine Kombination aus WG und Eigentumswohnung darstellen; eine akzeptable Mischung aus Gemeinschaftsräumen und in sich geschlossenen, privaten Rückzugsmöglichkeiten also. Die Idee kommt nicht nur bei Eigentumswilligen an, sondern auch bei der Politik. Und so werden immer öfter Grundstücke in städtischem Besitz speziell an Baugruppen vergeben, aktuell zum Beispiel in der Seestadt Aspern.

Österreich wird, wie die meisten anderen Länder Westeuropas auch, immer mehr zubetoniert und zugebaut. Durchschnittlich sind es 20 Hektar bzw. 30 Fußballfelder pro Tag. Der Boden wird knapp. Gemäß der österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie sollte die tägliche Inanspruchnahme bereits im Jahr 2010 auf maximal 2,5 Hektar pro Jahr reduziert werden. Dieses Ziel wurde mehr als deutlich verfehlt. Und dem gegenüber stehen laut Schätzungen des Umweltbundesamtes 50.000 Hektar oder 75.000 Fußballfelder leer stehende Gewerbe-, Wohnimmobilien und Industriehallen. Immer mehr Menschen wollen in die Städte oder ihnen möglichst nahe kommen. Wenn nicht bald ein Umdenken in der Wohnbaupolitik passiert, haben wir in ein paar Jahren ein wirkliches Problem.


Patrick Lüftenegger, tätig im Bereich Energie und Wohnraumforschung am Salzburger Institut für Raumplanung (SIR), im Gespräch über Zersiedelung, Flächenverbrauch und Wohnkonzepte der Zukunft.

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Architektur im Mittelpunkt: Gibt es ein Umdenken in der Gesellschaft oder ist der „kleine Mann“ vielmehr aufgrund von ökologischen und ökonomischen Faktoren gezwungen, das Konzept Einfamilienhaus zu überdenken?

Patrick Lüftenegger: Ich nehme kaum ein Umdenken wahr, in den letzten Jahrzehnten war eher das Gegenteil der Fall. Es gab Zeiten, da war ein eigenes Haus mit Garten nur sehr wenigen Gesellschaftsschichten vorbehalten. Heute unterstützen Förderpolitik und Kreditinstitute den „Traum“ vom eigenen Reich und versuchen ihn für möglichst viele erreichbar zu machen. Leider handelt es sich beim Einfamilienhaus um so ziemlich die ineffizienteste Besiedlungsform hinsichtlich Ressourceneinsatz, Flächen-, Infrastruktur- und Mobilitätsbedarf. Aber: Bankkredite sind leicht zu haben, Wohnbauförderung und Pendlerpauschale tun das Übrige und so ist das Einfamilienhaus noch immer im Vormarsch.

Für mich stellt sich die Frage: Können wir uns das als Gesellschaft ökologisch und ökonomisch überhaupt leisten? Denn der „kleine Mann“ neigt auch dazu, sich neben dem zu großen ökologischen Rucksack ein ebenso großes ökonomisches Packerl umzuschnallen.

Wie sehr spielen Zersiedelung, Verhüttelung und Landflucht eine Rolle bei der Verabschiedung des Einfamilienhauses?

Meist wohnt nur noch die „halbe Belegschaft“ im schönen Haus mit Garten, bevor dieses überhaupt fertig abbezahlt ist. Der ohnehin schon sehr hohe Wohnflächenbedarf pro Kopf steigt dadurch noch weiter. Die „kleinen“ Häuschen verbrauchen aber auch viel Baugrund. Durch die nur sehr geringe Ausnutzung von wertvollen Flächenressourcen steigt der Druck auf die Grundstückspreise, weil Angebot und Nachfrage immer weiter auseinanderdriften. Mehr und mehr Menschen werden dadurch immer weiter in die Peripherie gedrückt. Die Folgen sind bekannt bzw. in ganz Österreich gut zu beobachten. Die Landschaft wird Stück für Stück zugebaut, förmlich überwuchert. Neben dem enormen Flächenbedarf ist auch der Bedarf nach Infrastruktur, Strom, Wasser, Kanal, Straßen, Nahversorgung, Öffentliche Verkehrsmittel, soziale Infrastruktur usw. ein wesentlicher Faktor.

Was sind die Alternativen zum Einfamilienhaus? Gibt es zukunftsträchtige Modelle?

Pauschal ist das schwer zu sagen. Es braucht jedenfalls Angebote zwischen dem Mietwohnbau von der Stange und dem individuellen Einfamilienhaustraum. Verdichtete Wohnformen sind jedenfalls um ein Vielfaches effizienter in Sachen Materialeinsatz, Energieverbrauch, Infrastruktur und bieten gute Voraussetzungen für kostengünstigen und nachhaltigen Wohnbau. Nachhaltigkeit betrifft hier aber nicht nur unsere Ressourcen, die Umwelt und das Klima, sondern ganz besonders auch den sozialen Bereich. Wenn mehrere Menschen dichter zusammenleben, bedeutet das nicht automatisch nur Konflikte, sondern auch viele zu hebende Potenziale der Gemeinschaft. Ergänzungen von Jung und Alt, gemeinsames Nutzen von Räumen, Geräten, Autos. … Vieles ist denkbar im Zeitalter der Sharing Economy. Wichtig beim Wohnen ist aber in erster Linie die Privatsphäre – das eigene Reich. Die Wohnung als Rückzugsort, möglichst private Freiflächen, spürbar getrennt von halb öffentlichen und öffentlichen Räumen. Diese Differenzierungen müssen im Städtebau und in der Gebäudearchitektur gut abgebildet sein, dann können auch grundsätzliche Sehnsüchte der meisten Einfamilienhausträumer abgedeckt werden. Lösungen gibt es viele – von Gartenstädten bis hin zu urbaneren Quartieren. Und für jene, die auch selbst mitwirken wollen bei Planung, Gestaltung und Verwaltung, bieten Baugruppen eine sehr sinnvolle Alternative.

Wie reagiert die Wohnbaupolitik auf die veränderten gesellschaftlichen Umstände?

In größeren Städten wie Wien, Berlin, Hamburg und Zürich teils sehr aktiv und innovativ. Insgesamt aber leider zu wenig. Alternativen sind noch eher Nischenprodukte und die breite Masse ist noch nicht inspiriert für neue Träume – und die Politik entsprechend zurückhaltend.

Wird das Einfamilienhaus „aussterben“?

Ich hoffe es, weil wir uns dieses Wohn­modell für die breite Masse als Gesellschaft nicht leisten können.

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Datum: 21.06.2017

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